Das historische Auto – “H” mit Stil

"H" mit Stil: Ein Audi 80 aus dem Jahre 1976 . Ein Audi 80, B1, mit zwei Türen, Baujahr 1976.

Johannes Gütte ist Leiter im Bereich der Fahrzeugentwicklung.
Und passionierter “Schrauber”. Der Besitzer eines Oldtimers gibt uns einen Einblick in die wesentlichen Fakten zum “H”, dem Kennzeichen für das historische Auto.

Herr Gütte, das historische Auto gilt ja als Spaß-Faktor und Kapitalanlage zugleich. Wie muss so ein Gefährt denn aussehen, um als Anlage zu gelten?

Als Wertanlage dienen die meisten Oldtimer weniger. Man muss dafür einen hohen Preis investieren, damit Wartung, Platz und Unterhalt am Ende durch die Wertsteigerung kompensiert werden. Gleichzeitig sinkt dadurch der Spaßfaktor, da Fahrzeuge dieser Art mehr stehen und geputzt werden, anstatt sie artgerecht zu bewegen.

Sucht man das historische Auto als Wertanlage, sollten dringend drei wertvolle Regeln beachtet werden:
1. Marke: Muss prestigeträchtig und traditionsreich sein
2. Leistung: Viel Leistung ist gut.
3. Stückzahl: Umso weniger Fahrzeuge dieser Art existieren, umso höher ist das Wertsteigerungspotenzial. Ansonsten gelten noch kleinere Tipps wie 2 statt 4 Türen (Coupé, Cabrio), Benziner anstatt Diesel und Sondermodelle bevorzugen.

Wenn es nur um den Spaß geht, so gelten keine Regeln. Jeder soll selbst entscheiden, welches historische Auto er möchte. Wenn man nach Bauchgefühl aussucht und es dann mit Liebe behandelt und benutzt, ist jedes Auto ein kleines Unikat und für den Besitzer was Besonderes. Der emotionale Wert für den Besitzer ist dann nicht in Euro messbar.

Sie selbst fahren einen ….. ?

Ich fahre einen 1976er Audi 80 B1 2-Türer. Allerdings ist dieses Fahrzeug an vielen Stellen individualisiert (Motor, Fahrwerk, Bremse u.a.), ohne dabei aus dem H-Reglement zu fallen. In dieser Art ist der Wagen sicher sehr einzigartig.

Ab wann gilt das historische Auto als Youngtimer, bzw. als Oldtimer?

Ein Auto ist grundsätzlich mit 30 Jahren alt genug, um als Oldtimer zugelassen werden zu können. Allerdings ist nicht jedes alte Auto auch gleich ein Oldtimer. Um ein H-Kennzeichen (H für Historisch) muss für das Fahrzeug ein Gutachten erstellt werden. Die Auflagen hinsichtlich Zustand, Originalität usw. sind inzwischen sehr hoch.

Einen Youngtimer gibt es offiziell per TÜV-Gutachten nicht. Hier bieten aber diverse Versicherungen spezielle Tarife an, um besondere Fahrzeuge auch entsprechend versichern zu können. Oft reichen hierfür schon Alter von 15, 20 oder 25 Jahren. Basis dafür sind meist Classic-Data-Gutachten, die für eine solche Art der Zulassung als Basis dienen.

Angenommen, ich möchte mir so etwas zulegen. Worauf sollte ich beim Kauf achten? Und Gibt es Besonderheiten, die in den Vertrag gehören?

Rein bürokratisch kauft man ein klassisches Fahrzeug wie jedes andere auch. Um den Kauf herum werden natürlich grundsätzlich komplett andere Entscheidungen getroffen und Kriterien festgelegt. Da es hierbei nie um einen Nutzgegenstand handelt und Vernunft keine Rolle spielt, ist die Kaufentscheidung eher mit der für Schmuck oder Kunst vergleichbar.

Am schwierigsten ist es, sich selbst die Frage zu beantworten: Welcher soll es sein?!? Hierfür muss man sich sehr viel Zeit nehmen, bevor man im Internet oder Autohäusern „bummeln“ geht. Die Auswahl wird wie bei Schmuck oder Kunst natürlich auch über das Budget entschieden, aber auch danach ist das Portfolio noch gewaltig groß.

Wenn man sich selbst nicht gut auskennt, sollte man schon in diesem ersten Schritt einen Berater hinzuziehen. Erst, wenn man sich auf einen Fahrzeugtyp festgelegt hat, kann die gezielte Suche losgehen. Hierfür sollten Sie am besten Ihr Bauchgefühl entscheiden lassen. Ein Klassiker muss einem einfach selbst gefallen und zu einem passen.

Kommt es dann viel später zu einer Fahrzeugbesichtigung, ist neben dem allgemeinen Fahrzeugzustand auch die Dokumentation für das historische Auto sehr wichtig (Restaurationsberichte, H-Gutachten, Classic Data, Benotung, Historie, …).

Woran erkenne ich einen seriösen Anbieter?

Hierfür muss man sich gut informieren und die Fachliteratur zu Rate ziehen. Klassiker-Zeitschriften testen Händler und vergeben entsprechende Empfehlungen. Gerade hier gibt es aufgrund der Marktsituation viele schwarze Schafe. Edel-Gewerbe oder Auktionshäuser sind relativ sicher, aber entsprechend hochpreisig.

Ich selbst würde den Privatkauf empfehlen. Auf Treffen, Messen oder im Netz ist die Auswahl recht groß. Ein seriöser Privatanbieter beschreibt das historische Auto sehr emotional und listet kleinste Details, Besonderheiten und die Geschichte des Autos entsprechend auf. Man erkennt meist schon beim Lesen, dass es sich um eine besondere Beziehung handeln muss.

Wenn man dann anruft und eine Stunde lang das Fahrzeug mit Liebe beschrieben bekommt, kann man sich auf den Besuch freuen. Trotzdem sollte man immer einen Fachmann mitnehmen, denn es gibt zwei Sachen niemals: 100%ige Sicherheit und ein Fahrzeug im Neuzustand.

Gibt es Plattformen, Clubs oder Treffen, die Sie empfehlen können? Oft geht der Besitz ja mit dem Spaß am Schrauben einher. Geben Sie uns mal ein paar Tipps…

Es gibt Markenclubs, Plattformen, Messen und Treffen in allen Arten, Größen und Preisklassen. Die Auswahl ist fast erdrückend groß, da auch die Fan-Gemeinschaft für das historische Auto ständig wächst. Die Fachzeitschriften informieren in jeder Ausgabe über anstehende Events. Für sich selbst lohnt es sich zusätzlich, auch regional zu schauen, was so angeboten gibt und das dann gleich Entdeckungsreise und Ausfahrt zu nutzen.

Am Ende entscheidet der Wohlfühlfaktor, ob man einem Event treu bleibt oder sich das nächste sucht. Für die Ausfahrt lohnt es sich aber eigentlich immer. Ich fahre gerne auf kleine Treffen oder Treffen mit Markenbezug. Hier steht ein Trabbi neben einem Mustang oder ein Ferrari neben einem Kadett. Trotzdem ist es das gleiche Hobby und der gleiche Bezug zu Benzin und Schrauberei.

Mit einem H grüßt man sich auf der Straße und wenn man seinen Fahrzeugtyp auf einem Treffen nochmal sieht, gibt es sofort Fachaustausch und Geschichten zu erzählen. Ich halte mich also besser mit Tipps zurück und lasse das jeden selbst entdecken. Das ist Teil dieses Hobbies und macht einfach sehr viel Spaß.

Ob man selber schraubt, mit Freunden oder auch Schrauben lässt, spielt dabei keine Rolle. Man beschäftigt und identifiziert sich so mit dem Auto, dass man auch “mit zwei linken Händen” technisch mit diskutieren kann. Und irgendwas macht dann doch jeder selbst.

Welche technischen Spielereien könnte ich in so ein Auto einbauen? Bzw. wo bekomme ich ein vernünftiges Angebot an Retro-Ausstattung wie z.B. Picknick-Körbe, Kleidung?

Technische Spielereinen können einen recht schnell das H-Kennzeichen kosten. Bevor man Kleinigkeiten (z.B. Felgen) oder größere Umbauten (z.B. Fahrwerk, Motor, Bremse, …) am Fahrzeug plant, sollte man den TÜV oder einen entsprechenden Gutachter konsultieren und dich das Vorhaben absichern lassen. Die Zauberwörter für das historische Auto sind „original“ und „zeitgemäß“. Man kann jederzeit Umbauten vornehmen, die es damals bzw. in einem gewissen Zeitrahmen nach Erstzulassung für dieses Auto wirklich gab.

Wenn man sich dahingehend nicht sicher ist, einfach einen Fachmann fragen. Hier gibt es viele gesetzliche Graubereiche und am Ende kann auch der Geschmack des Prüfers ausschlaggebend für das Abnicken oder die Ablehnung einer Eintragung sein. Alles an Zubehör, Kleidung, Gimmicks oder Teilen gibt es im Internet. Ohne ebay wäre mein Audi niemals fertig geworden.

Auf Treffen und Messen gibt es auch viele Märkte, Adressen und Stöber-Stände, aber am Ende landet man mit der Suche doch meist im Internet. Viele Hersteller haben eine Traditions-Abteilung, so dass man sich viele originale Ausstattungen kaufen kann, aber das Angebot ist klein und teuer.

Zulieferer legen auch oft noch Klassiklinien für das historische Auto neu auf (Felgen, Fahrwerke, Federn, Spoiler, Lenkräder usw.). Ansonsten gehört die Lederjacke zum US-V8-Fahrer und die Handschuhe zum englischen Roadster. Das ganze Paket passt, wenn man sich auf sein Auto richtig einlässt.

Der berühmte Wochenend-Ausflug….Verraten Sie uns mal ein paar schöne Strecken in- und außerhalb Berlins…

Ich persönlich fahre ungern durch die Stadt mit dem Oldie. Es macht keinen Spaß und verschleißt zu sehr. Für die Flanierer ist der Kudamm an einem sonnigen Sonntag natürlich die Gelegenheit.

Brandenburger Landstraßen im Havelland, Richtung Spreewald oder im Norden des Oberhavellandes hingegen sind Fahrspaß pur und landschaftlich sehr reizvoll. Wenn man das mit Besuchen von Schlössern, Landsitzen, Museen, Wäldern, Seen oder Restaurants verbindet, ist der Ausflug perfekt.

Dazu gehört die Eröffnung, wenn man den Wagen aus der Garage schiebt und startet und am Ende das Abdecken inklusive eines kritischen Blickes, ob der Ausflug unerwünschte Spuren hinterlassen hat. Das gehört alles einfach dazu und rundet ein aufwändiges aber schönes Hobby ab.

Herr Gütte, haben Sie herzlichen Dank für diesen Einblick in die Welt des H-Kennzeichens – und weiterhin viel Spaß mit Ihrem Oldtimer!

Johannes Gütte ist Projektleiter in der Fahrzeugentwicklung. In seiner Freizeit unternimmt er gerne Touren mit seinem Audi aus den 70-ern.

Das Interview führte Patrizia Becker

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