Sprezzatura – von “gut” zu “unwiderstehlich”

Sprezzatura Sprezzatura - die Kunst, Schweres ganz leicht erscheinen zu lassen.

Gäbe es ein Fotofinish für lässigen Stil, wer würde wohl die berühmte „Nasenlänge“ voraus sein?
Sie wissen schon, diese drei Millimeter, die zwischen „Champion“ und „sehr gut“ liegen?
Egal, in jedem Fall versinnbildlicht diese Maßeinheit die „Sprezzatura“.

Das ist so wie „Fettnäpfchen“ – nur umgekehrt. Schrieb man „Fettnäpfchen“ als Maßeinheit eine Zeit lang bestimmten Politikern zu, so umreißt „Sprezzatura“ das Gegenteil, eben einen distinguierten Stil.

Dieser Hauch Unverschämtheit…

Nur, wer Stil beherrscht, kann Stil brechen.

Auch, wenn Sprezzatura sich vornehmlich auf den Gentleman bezieht, existiert eine ähnliche Geisteshaltung bei Frauen. Erinnern Sie sich noch an Marlene Dietrich im „Blauen Engel“?
Mit ihrer lasziven Attitüde und ihrem entsprechenden Outfit verkörperte sie die Geisteshaltung jener Zeit: „Nichts passte zusammen, aber alles passte zu ihr“ hat ein Journalist ihre Wirkung beschrieben.

Lag es an der inneren Unabhängigkeit? Die disziplinierte Offizierstochter war frei in ihrem Ausdruck, fokussiert in ihrer Lebensführung. Sie war es, die den Hosenanzug für Frauen salonfähig machte – damals in den 30-ern. Mit Krawatte, by the way…

Wie viele Weltstars hat Deutschland hervorgebracht?

Die Entstehung und Übernahme

„Irgendjemand muss es tun“ dachte sich der Schöpfer dieses Wortes vielleicht: Der Italiener Baldassare Castiglione hob den Begriff in dem Buch „Der Höfling“ („Libro del Cortigiano“) aus der Taufe. Seine Definition umreißt die Fähigkeit, sich so zu geben, dass auch Anstrengendes leicht, ja geradezu mühelos erscheint. Weiterhin transportiert dieser Begriff auch eine elitäre Gesinnung:
Geht es doch auch darum, sich nicht in die Karten schauen zu lassen und erhaben das zu meistern, was die anderen „ins Schwitzen“ bringt. (Auch, wenn es etwas weniger offensichtlich formuliert wird.)

Sprezzatura umreißt die Fähigkeit, sich einen Habitus anzueignen, der auf glattem Parkett zum Vorwärtskommen – und manchmal wohl auch zum Überleben dient.

Übernommen wurde dieser Begriff von den Briten. Im Oxford Dictionary wird er als „erlernte Lässigkeit“ (studied carelessness) widergegeben.

Zufall?

Bei Betrachtung der Mode ragen zwei Gruppen heraus, wenn es um elegante und verwegene Stilbrüche geht…

Sprezzatura und Stilbruch

Zum einen sind da die Italiener, die die Gabe haben, nachlässige Verrücktheiten in Trends zu verwandeln:
Erinnern Sie sich noch an die offenen Hemdmanschetten? Das hatte was. Wirklich erklärbar ist so etwas nur sehr schwer, es sei denn, man kommt auf den „Schuss Verrücktheit“ zu sprechen, der das offensichtlich legitimiert:

Die anderen, die mit so etwas auch irrsinnig gut aussehen, sind Londoner.
Londonern sagt man nach, dass sie die verrücktesten Klamotten kombinieren können –  und damit einfach unverschämt gut wirken. (Während der Rest der Welt einfach nur bekloppt aussähe.)
Möchten Sie ein Paradebeispiel?

Neulich war „Ed Balls Day“. Nie gehört? Dann jetzt.

Ed Balls Day – so sprezzatura…

Wenn aus einem Vertipper ein Volksfest wird…
Ed Balls, bis Mai 2015 Abgeordneter der Labour-Partei, wurde von Mitarbeitern über einen Bericht auf Twitter informiert. Der Politiker, mitten in der Vorbereitung eines BBQ aufgestört, tippte  ins falsche Feld und tweetete so versehentlich seine eigene Person.

83 748 Retweets und 53 022 Likes erntete er an diesem 28. April.
Seither hat dieser Tag an Momentum gewonnen: Zum 6. Mal jährt sich der Vertipper, der seinen Autor zu einer Art Volksheld hat werden lassen.
Ed Balls Day wird gefeiert, der Protagonist zelebriert den Ausrutscher durch eine Teilnahme an „Strictly Come Dancing“. Mal im knallgelben Anzug mit grüner Gesichtsmaske, mal in Knallblau und Gangnam Style.  British Humor, you know….

Was woanders in einem simplen Lacher versackt wäre, ist hier zur Kunstform avanciert.
Die Voraussetzung für sowas? Innere Leichtigkeit – und diese unverschämte Selbstsicherheit…

Auch eine Frage des Zeitgeistes? Sprezzatura in den 70-ern

In den späten 70-ern geschah eine Art Wunder: Eben jene, die gestern noch das Leben im Anzug weit von sich wiesen und in schillernden Kostümen mit Make-Up für unkonventionelle Wildheit standen, fanden jetzt ihren Weg zum italienischen Nobel-Schneider.

Künstler wie Rod Steward oder Freddy Mercury läuteten die Wende ein – hin zur gehobenen Eleganz im feinen Tuch. Sprezzatura, das ist irgendwie auch der Mut, das zu verlassen, was ich bis gestern noch war. Die innere Haltung, die den Weg ebnet für Handlungsfreiheit, gibt ihrem Besitzer Souveränität.

Das sichtbare Ergebnis

Wie oben schon erwähnt führt diese innere Haltung zu Details, die ihren Träger als souverän ausweisen. Auch, wenn nicht alle als „First mover“ bezeichnet werden können, so erfordert mancher Trend doch eine gehörige Portion Unabhängigkeit.

  • Barfuß im Anzug in Lederschuhen
  • Hochwassser-Hosen zum Anzug
  • Extra-breite Umschläge bei den Hosen
  • Bunte oder Metall-Armbänder zum Anzug
  • Eine Art Schal – ähnlich einem Kummerbund – zum Freizeit-Anzug
  • Der Klassiker – eine extravagante Kombi aus vielen Mustern
  • Ein gewagtes Revers, wie z.B. extrabreit, farblich abgesetzt, aufsteigend
  • Ein bunter Schal, gerne auch mit einem ungewöhnlichen Muster

Die totale Entgleisung

Hier steige ich definitiv aus: Graue Jogginghosen mit diesen unsäglichen weißen Schuhbändeln sind niemals Sprezzatura.

Die andere Voll-Entgleisung besteht in einem Anzug, dessen Hose kurz ist – mit Gürtelschlaufe und Bügelfalte. Lächerlich. Einfach nur lächerlich.

Warnung: Das erste gehört in den Freizeit-Bereich oder in den Sport-Bereich. Naja, der ganz, ganz wilde Kreativ-Bereich haut da vielleicht auch noch hin… WENN SIE NICHT DIE WIRTSCHAFTLICHE SIETE DER AGENTUR VERTRETEN…
Das Zweite, diese kurze Anzug-Hose mit Bügelfalte zur Anzugjacke lässt ihren Träger einfach nur unglaubwürdig rüberkommen.
Was mich zu den Grenzen bringt…

Die (zumindest modischen) Grenzen von Sprezzatura

Der Mut zum Disruptiven ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Das musste auch der Designer Justin O’Shea feststellen, dessen Tätigkeit beim Nobelschneider Brioni gerade mal ein halbes Jahr währte.

Dabei war sein Herangehen gar nicht mal sooo abwegig: Metallica sollte es sein, die dem altehrwürdigen James-Bond-Ausstatter neuen Geist einhauchen sollten.
Bedenkt man, dass auf einem Festival wie Wacken auch Architekten, Ärzte (auch im Publikum) und Rechtsanwälte sind, war das vielleicht gar keine schlechte Idee.

Allerdings zeigten die Stammkunden den Kreationen die kalte Schulter. Die Identifikation mit den Streetstyle-Looks des Instagram-Stars O’Shea vollzogen sie nicht. Im Oktober gab man die einvernehmliche Trennung bekannt. Seitdem wirbt das Label wieder mit Schauspielern und roten Teppichen.

Fazit: Die Sprezzatura gelingt wohl dann am besten, wenn das Selbstkonzept bzw. die Persönlichkeit des Trägers unterstrichen wird. Dieser Schuss Verrücktheit, diese Losgelassenheit können wohl in volksfestartige Darbietungen münden. Allerdings sollte das Spiel mit den stilistischen Mitteln nicht zwangsweise etwas hinzaubern wollen, was nicht wirklich da ist.

Zwischen Sprezzatura und Selbstverleugnung oder gar Sich-selbst-verlieren ist ein schmaler Grat.
Image, also das Bild von der Persönlichkeit, kann facettenreich erscheinen. Wo was wie zum Ausdruck gebracht wird, ist allerdings eine Sache vorausschauender Erwägung. Sich zum Anlass und zu den anwesenden Persönlichkeiten in einen angemessenen Bezug zu setzen ist bei jedem erfolgreichen Menschen Gegenstand vorheriger Überlegungen. Kurz: Wer sich nicht mit sich selbst wohl fühlt, kann auch nicht überzeugen.

Mit den Worten von Adam Smith ausgedrückt:
„ Ein weiser Mensch wird auch in der Konversation keinen Charakter erheucheln, der ihm unnatürlich ist; wenn er ernst ist, wird er nicht vorgeben, fröhlich zu sein, und wenn er fröhlich ist, wird er nicht vorgeben, ernst zu sein.“
(Adam Smith, schottischer Moral-Philosoph und National-Ökonom, 1723 – 1790)

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