Das Portrait

Dieter Zetsche, CEO Daimler AG Dieter Zetsche, CEO Daimler AG

Ein gutes Portrait stiftet Begegnungsqualität.  Unaufdringlich gewährt es dem Betrachter Zugang zum Facettenreichtum einer Persönlichkeit – ohne  Voyeurismus. Deniz Saylan portraitiert Größen aus Politik und Wirtschaft, ebenso wie Persönlichkeiten im Team.

Herr Saylan, Sie haben das „who is who“ der deutschen Wirtschaft portraitiert.
Was genau macht eine Persönlichkeit interessant?

Das kann man nicht so pauschal beantworten, weil ja jeder Mensch seine eigene Persönlichkeit hat. Für den Betrachter ist oft eine gewisse Kauzigkeit das Interessante.
Die Frage ist auch, wofür das Portrait bestimmt ist. Wenn ich ein Portrait von einer Persönlichkeit mache, dann möchten die Leute durch mich eine neue Facette an dieser Persönlichkeit entdecken.

Es gibt so ein geniales Foto von Angela Merkel, wo sie abends am Fenster steht und rausschaut. Der Betrachter erlebt sie dann zum Beispiel so, wie sie über die Dinge in der Regierung nachdenkt. Interessant sind auch oft so diese ganz einsamen, stillen Momente. Als Fotograf musst du halt ein guter Beobachter sein.

Es gibt Fotos von Menschen, die in der Öffentlichkeit nie lachen und plötzlich hast du sie lachend oder auch umgekehrt: Sie sind immer fröhlich – und zeigen sich im Portrait plötzlich von ihrer verletzlichen Seite. Jeder Mensch hat sehr viele Facetten und man traut sich nicht, diese Momente zu zeigen. An vielen Stellen wird natürlich auch erwartet, dass man sie nicht zeigt.

Sprechen wir über Verwandlung: Dieses berühmte Phänomen, bei dem unauffällige Menschen vor der Kamera schlagartig faszinierend sind – und umgekehrt?

Dieser Verwandlungsprozess kann auf mehreren Ebenen stattfinden. Ich kann zum Beispiel mit der Kamera durchs Unternehmen gehen und alles herausarbeiten, was schlecht oder was gut ist. Das eignet sich dann als Lern- oder Sensibilisierungsprozess. Gerade für Unternehmen, die sich verändern oder verbessern wollen ist es zielführend, wenn auf einmal sichtbar wird, wo man etwas positiver gestalten könnte.
Das sind dann natürlich keine Bilder, die auf eine externe Kommunikation hin ausgelegt sind. Bei dieser Art von Portrait geht es um einen Bewusstwerdungsprozess. In der Regel versucht man ja, die positive Seite darzustellen.

Ein Kunde hat mich mal beauftragt, mit der Kamera durchs Unternehmen zu gehen und alles zu fotografieren, was einem potentiellen Kunden negativ auffallen könnte. Dieser Kunde kannte sein Unternehmen von Kindesbeinen an. Manche Dinge fielen ihm gar nicht mehr auf.

Also schaffen Sie mit Ihrer Arbeit Sensibilisierungsprozesse?

Es kommt darauf an. Ein Kunde hat mich mal für ein Unternehmensportrait engagiert.
Ich wusste vorher ja nicht, wo ich hin komme. So  habe ich ihm nach dem Rundgang durch diese lieblos wirkende Umgebung ganz offen gesagt „Bevor du das gewünschte Ergebnis bekommst, musst du renovieren. Das bekomme ich selbst mit Photoshop nicht mehr hin.“

Daraufhin hat er sein ganzes Unternehmen umgekrempelt. Dazu muss man ja nicht unbedingt viel Geld ausgeben, man ist aber sensibilisiert. Hier hat das übrigens dazu geführt, dass sich das ganze Unternehmen ändert – also auch die Unternehmenskultur.
Angefangen hat alles damit, dass ihm klar geworden ist, dass er da selbst nicht mehr gerne hin geht.
Bei ihm zuhause war übrigens alles top, nur im Unternehmen brauchte er diese Initialzündung….

Lassen Sie uns etwas über die Magie des Sichtbarwerdens reden…

Für einen Fotografen ist es auch wichtig, sich in manchen Situationen unsichtbar machen zu können.
Dadurch entsteht eine Situation der Vertrautheit. Das ist eine Fähigkeit, die mir in die Wiege gelegt ist, deswegen bekomme ich auch sehr schnell unverfälschte Momente.

Sie haben auch Dieter Zetsche vor der Kamera gehabt, einen Mann, der von allen Generationen geschätzt wird. Was macht die Wirkung seiner Persönlichkeit aus?

Nähe. Der Mann hat keine Angst vor Nähe. Und er hat keine Angst vor Menschlichkeit.
Beim letzten Fototermin waren wir in Detroit und es waren minus 20 Grad.
Geplant war ein Portrait mit Arnold Schwarzenegger und man wusste gar nicht, ob Arnold Schwarzenegger jetzt tatsächlich auch kommt. Irgendwann sagte Dieter Zetsche dann:
„Kommt, lasst uns reingehen.“ Irgendwann kam Arnold dann tatsächlich. Das hat nur niemand mehr gemerkt, weil so viele Leute um Dieter Zetsche herum standen.

Seine Wirkung kommt auch daher, dass er mit allen spricht. Ob jemand Azubi ist, Hausmeister oder ein anderes Vorstandsmitglied, ist dabei vollkommen egal. Er redet mit jedem und ist nahbar.

Ihre Reisen führen Sie zu entlegenen Orten…

Ich gebe Kurse für Werbefotografie in Katar. Al Jazeera hat eine Media School, das Al Jazeera Media Institute. Da bin ich ein bis zwei Mal im Jahr für junge Fotografen. Das ist eine schöne Abwechslung.

Stichwort Handyfotografie….

Ich fotografiere sehr gerne mit dem Handy. Letztendlich ist die die beste Kamera, die du dabei hast.
Gute Fotos sind unabhängig von der Kamera. Am Schluss ist es immer dein Auge, was das Foto ausmacht.

Es gibt kein generelles Rezept. Macht jemand mit dem Handy keine guten Bilder, macht er die auch nicht mit einer teuren Kamera.
Es gibt eine Anekdote von Horowitz: Er wohnte einem Vorspiel bei, allerdings saß er hinten im Dunkeln, als er die Vorträge anhörte. Ein junger Pianist beschwerte sich über das Klavier auf der Bühne: Er könnte auf diesem schäbigen Instrument nicht spielen. Daraufhin tauchte Horowitz aus dem Dunkel auf, ging zum Klavier und spielte in der ihm eigenen, hervorragenden Art.
Anschließend gab er dem jungen Pianisten zu bedenken: „Mein Herr, ich weiß gar nicht, was Sie haben. Mit dem Klavier ist alles in Ordnung.“

Ich halte es für verkehrt, zu technik – fixiert zu sein. Ein guter Fotograf kann generell vom Werkzeug unabhängig ein gutes Foto machen. Folgerichtig gibt es eine Reihe hervorragende Handybilder.

Um bestimmte Aufgaben und Ansprüche erfüllen zu können, ist es eine professionelle Vorbereitung in Form von präziser Planung und spezieller Technik notwendig. Aus diesem Grund sind viele Fotoproduktionen von einem mehrköpfigen Team und großer Logistik begleitet.
So habe ich auch bei größeren Fotoproduktionen Beleuchter dabei, die sich ausschließlich um das Licht kümmern. Hier sprechen wir von einer Crew von vier bis fünf Personen, die Lampen und Stative handhaben und die ganze Location für mich einleuchten.
Einmal hatte eine Beleuchterin einen Schrittzähler dabei: Am Ende des Tages sind  21 Kilometer auf dem Zähler zusammengekommen….

Das macht übrigens auch den guten Fotografen aus, dass er vorausschauend die optimale Ausstattung dabei hat.

Kommen wir zu Kofi Annan….

Die Pressesprecherin von Kofi Annan hat mir zwei Minuten gegeben. Dann musste der Schuss sitzen….

Was war Ihr verrücktestes Erlebnis?

Mit Ustinov das war eine ganz lustige Geschichte. Laut Briefing sollte ich mit Peter Ustinov einen Portrait – Termin haben. So hörte sich das für mich jedenfalls an. Als ich  ankam, standen da schon 30 Fotografen mit Blitzen und langen Linsen – das, was man halt hat, wenn man ein press call hat.
Und ich stand da verloren mit meiner kleinen Leica. Und mir blieb im Grunde genommen eigentlich gar nichts anderes übrig, als zwischen den Ellenbogen und Knien von den anderen mit meiner kleinen Leica ein paar Fotos zu machen. Nach ein paar Minuten kam dann noch sein Manager und sagte „So, jetzt ist das hier vorbei.“

Ein paar Minuten später kam dann Ustinov zu mir und fragte, ob ich nicht Lust hätte, ein paar Fotos mit ihm zu machen. Und dann hatte ich meinen privaten Portrait – Termin mit ihm…

Anschließend hat er mich für den Abend noch eingeladen. Er hat mich gefragt, wann ich die Fotos fertig hätte und ich habe ihm gesagt „heute abend“. Wir haben dann ein Glas Wein zusammen getrunken, die Fotos angeschaut und sie haben ihm gut gefallen.
Und dann hat er mich gefragt, ob er mir in irgendeiner Form behilflich sein könnte.
Ich war damals so verdattert, dass ich mich nur sagen hörte „Ich wüsste nicht, wie…“

Viele Menschen sind vor der Kamera unsicher…

Ich habe auch Leute, die sich vor der Kamera nicht wohl fühlen. Natürlich wissen Persönlichkeiten wie Annan, Zetsche usw. genau, wie sie sich vor der Kamera präsentieren. Offen gestanden liegt die größere Herausforderung darin, von einer unbekannten Persönlich ein Foto zu machen.
Für Persönlichkeiten mit einem geringeren Bekanntheitsgrad ist das oft wie ein Geschenk, wenn sie sich in so einem Kontext bewegen können. Plötzlich merkt man dann, wie sie vor der Kamera aufblühen und sicher werden.

Als Fotograf muss man den Moment zelebrieren können. Da geht viel aus der Beobachtung heraus.
Eine fixe Auffassungsgabe, um diesem Menschen jetzt die Zuversicht zu geben, ist einfach nötig. Natürlich spielen die ganzen Erfahrungen, die ein Mensch gesammelt hat, all seine inneren Haltungen dabei eine Rolle… Aber genau darin besteht auch die Aufgabe eines Fotografen, das zu brechen und einem Menschen die Scheu vor dem Portrait zu nehmen.
Ein guter Fotograf kann die Leute zu einer starken, individuellen Haltung vor der Kamera hinführen.

Haben Sie auch mal Aufträge abgelehnt?

Definitiv. Pornos sollte ich mal machen. Das habe ich abgelehnt.

Dann wären da noch diese Society – Fotos, diese klassischen Veranstaltungs – Bilder. Wie kann man sich sicher sein, da gut rüberkommen?

Hier halte ich es mit Erich Salomon. Er wurde dadurch berühmt, dass er sich bei einer Konferenz hinter dem Vorhang versteckt hat. Dr. Salomon hat als erster Gesellschaftsaufnahmen aus der Perspektive des Unbeobachtetseins gemacht. Im Grunde genommen war er der erste, der den Ölbildcharakter in Richtung der authentischen Fotografie  verlassen hat.

Im Zeitalter von Selfie – Sticks und hochwertigen Handykameras – wo sehen Sie die Zukunft der Portraitfotografie?

Durch die Masse an Bildern, mit denen wir heute leben, entsteht ja gerade erst die Notwendigkeit eines starken Portraits. Ein Portrait muss aus der Masse hervor stechen. Übrigens macht diese Entwicklung einem guten Fotografen keine Angst. Für ihn bleibt immer eine Aufgabe, die zu erfüllen ist.

Gute Portraitfotografie ist wie eine Theateraufführung: Der Vorhang geht auf für den Entstehungsweg dieser Portraits. Ob diese Fotos stundenlange Torturen sind oder ob man mit jemandem arbeitet, der Stimmung aufbauen, halten und fotografieren kann, das macht hinterher die Qualität des Portraits aus.

So ein Portrait – Shooting benötigt ein gewisses Energie – Level. Wie bei einer Theater – Aufführung muss man dann eben sein Publikum halten können. Man steht dann als Fotograf auch vor der Herausforderung, sein Publikum bis zum Ende halten zu können. Da gibt es keinen Notknopf oder sonstiges….
Letztlich ist das auch die Kunst beim Portraitieren: Diese Atmosphäre und Energie, die zwischen dem Portraitierten und dem Fotografen entsteht, zu bewahren – bis das Bild im Kasten ist.

Ein hochwertiges Portrait kann deutlich zur Zukunftsfähigkeit einer Unternehmensidentität beitragen: Einmal sagte ein Inhaber zu mir „Dieser Film hat uns eine Identität als Familie gegeben.“ .

Wir sprechen also darüber, dass jemand nicht austauschbar ist….

Natürlich. Ein gutes Portrait ist immer auch eine vertrauensbildende Maßnahme, die Nähe entstehen lässt.

Haben Sie besten Dank für das Interview.

Gerne!

Das Interview wurde geführt von Patrizia Becker.
Autor: Patrizia Becker
https://plus.google.com/+PatriziaBecker

Kontakt:
Fon: 0711/ 54 09 64 97
Mobil: 0175/ 22 45 146
info@erfolgmitstil.de