Der nützliche Idiot

Über die Kunst, sich stören zu lassen, um sich schützen zu können
Der nützliche Idiot - eine Persönlichkeit mit großem Engagement. Was ihm fehlt, ist das strategische Verständnis. Viel zu wenig wird über ihn gesprochen: Der nützliche Idiot ist eine zentrale Persönlichkeit in vielen verdeckten Strategien.

Sie sind das Kapital jeder erfolgreichen Serie – und oft das unfreiwillige Adrenalin des Teams.
Der nützliche Idiot und andere Persönlichkeiten sind Menschen mit herausragenden Begabungen. Oft werden sie nicht verstanden – oder allein gelassen. So unterschiedlich wie ihre Begabungen ist auch ihre Wirkung.

Die Reaktionen auf diese Mitmenschen schwanken dann auch zwischen breitem Grinsen und genervten Augenrollen. Dabei wäre es sehr viel einfacher, gut miteinander klar zu kommen – und die Performance zu steigern, wenn ich etwas mehr über diese Persönlichkeiten weiß…

Der nützliche Idiot – er selbst erfährt es als letzter

Der nützliche Idiot entstammt eigentlich dem politischen Szenario. Ebenso beseelt von Tatendrang wie von einem bestimmten Größenwunsch marschiert er (oder sie) dem Ziel entgegen. Dabei ist sein Vorgehen von großem  Engagement geprägt.

Nun zum hässlichen Part: Es ist weder seine eigene Idee, die er umsetzt, noch durchblickt er den Kontext seiner eigentlichen Mission. Dafür kommt er aber wirklich gut rüber: Gewinnend wirkt sein Auftreten. Dies ist eine Grundbedingung für die erfolgreiche Mission.

„Mann, du siehst klasse aus, aber was du tust ist dumm!“

Diese Äußerung entfuhr dem Zuschauer eines Westerns: Die Szene?
Stellen Sie sich eine dieser klassischen Szenen vor: Armee gegen Armee. In seiner blauen Uniform marschiert der General voran, die Waffe hoch vor sich haltend. Ganz allein.

Hinter ihm, mit deutlichem Abstand, folgte sein Heer. Natürlich sollte dieses Verhalten durch Heldenmut beeindrucken. und natürlich ist im Film so eine Szene nötig, um die Spannung zu steigern.

Dieses Verhalten hat jedoch eine Parallele zum Alltag: Es ließ wesentliche strategische Elemente eines vorausschauenden Vorgehens vermissen. In der Realität umschreibt es das Verhalten des “nützlichen Idioten” ziemlich genau.  Er ist zu 100 Prozent engagiert – riskiert jedoch persönlich sehr viel durch seine mangelnde strategische Umsicht. Und beseelt von der Bedeutung, die ihm (oder ihr) hier zukommt, verliert er das Gefühl für die Realität.

Der nützliche Idiot trägt in sich fünf Eigenschaften, die ihn prädestinieren

  • Leichte Beeinflussbarkeit
  • Mangelndes Gefühl für die Angreifbarkeit von Entwicklungen
  • Kein Gespür für verdeckte Handlungen
  • Geringe Menschenkenntnis
  • Blindheit für Momente voll seltsamer Stille in Gruppen…

Der nützliche Idiot sieht immer wieder anders aus. Eines jedoch ist allen Versionen gleich: Tief in ihm (oder in ihr) steckt dieses tiefe menschliche Bedürfnis, etwas Bedeutendes zu tun oder eine bedeutende Person zu sein.

Der nützliche Idiot trägt in seiner Rolle einen Appell: Es ist wichtig, mit sozialer Verantwortung umzugehen. Jeder von uns trägt ein angreifbares Moment in sich. Vielleicht ist es nicht ganz so plakativ darstellbar wie “der nützliche Idiot”.

An mancher Stelle habe ich jedoch das Gefühl, dass sich die große Freiheit im west – europäischen Raum gewandelt hat in soziale Gleichgültigkeit. Vielleicht gilt es einfach, den Blick dafür etwas zu schärfen?

Ein Beispiel

Ein Beispiel für den Einsatz des nützlichen Idioten ist gezielte Indiskretion. Kollege XY ist ein “Plaudertäschchen”? Na super, dann versorgen wir ihn (sie) einfach mit der richtigen Information… Und schwupps – schon ist die Info gestreut und bewirkt an vielen Stellen, was sie bewirken soll…

Der Prophet

Der Prophet ist so ziemlich der genaue Gegenentwurf zu dem nützlichen Idioten. Auch er hat eine Mission – und die macht ihm und anderen ganz schön zu schaffen! Seine Botschaft lautet:

„Das System ist kaputt.“ 

Es entspricht seinem Naturell, genau dann aufzutauchen, wenn das Ganze so richtig schön läuft.
Den langen harten Jahren des Aufbaus folgen die Jahre der Ernte und des Glanzes. Die Dinge sind in „trockenen Tüchern“, jeder kennt seine Rolle. Natürlich ist in so einem etablierten Unternehmen auch eine Stabilität, und die bringt Geborgenheit und Ruhe. Kurzum: Jetzt macht es Spaß.

Da taucht sie auf, diese Figur. Ihre innere Mission ist die Warnung. Der Prophet wird oft als Störer empfunden. Dabei geht man an der großen Begabung dieses Menschen vorbei: Sie besteht darin, sehr früh sehr feine Unstimmigkeiten wahrzunehmen.

Anders als der nützliche Idiot „sieht“ der Prophet auch durch menschliche Masken hindurch. Und genau das lässt ihn (oder sie) oft einsam zurück. Wie fühle ich mich, wenn ich gerade eine Beziehung zu einem total tollen Menschen aufgebaut habe – und jetzt intensiv gewarnt werde? Oder wenn sich DIE Chance fürs Geschäft schlechthin ergibt – und ich höre, dass ich ausgenutzt werde?

Auch der Hinweis, dass immer mehr Unzufriedenheit herrscht, lässt den Propheten oft einsam zurück. Beweisen doch viele Sterne in den Beurteilungsforen, dass die Leute hier total glücklich sind…

Der Prophet trägt das Programm der Disruption in sich. Seine präzise Wahrnehmung bringt ihn, wenn er seine Sicht äußert, immer wieder in die gefühlte Position einer Nervensäge.

So sind wir nun mal, wir Menschen: Wir mögen es einfach. Und warum sich auch unnötig mit unsichtbaren Problemchen beschäftigen?

Anders als der nützliche Idiot ist der Prophet nicht durch „soziale Geschmeidigkeit“ gekennzeichnet.
Mitunter wirkt sein (ihr) Reden sogar ziemlich ruppig. Wer sich dem stellen kann, ohne sich angegriffen zu fühlen, ist vielen anderen oft voraus. So lassen sich die “Baustellen” angehen, wenn sie noch den Charakter feiner Haarrisse haben. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es zu oft anders läuft: Der Prophet bekommt seine Anerkennung nach dem Crash.

Der „chronisch Euphorische“

Die große Begabung des chronisch Euphorischen liegt in der Motivation des Teams.
Wie ein soziales Gegengift zu emotionalen Beschwernissen wirkt sich diese Persönlichkeit aus. Die Sonne scheint, wenn sie oder er in den Raum kommt. Unkompliziert und mit einer irre guten Laune.

Auch diese Persönlichkeit wird schnell falsch eingeschätzt: „Naiv“ – so ein häufiger Vorwurf – sei sie.
Und „nicht in der Lage, strukturiert zu denken und zu handeln“.

Neben der Fröhlichkeit ist die Neutralität ist diesem Menschen am nächsten. Es ist eine Kunst, hier einen Streit anzufangen. Der chronisch Euphorische ist als nützlicher Idiot absolut ungeeignet. Er würde die Mission schon allein dadurch vermasseln, dass er sich den Problemen und Stimmungsbildern verweigert.

Zu einer Herausforderung kann diese Fröhlichkeit für aufgaben – orientierte Menschen werden: (Task-oriented)
Denn sie wollen das Ganze möglichst schnell hinter sich bringen und zur Lösung führen. Ohne Ablenkung. Die Fröhlichkeit des chronisch Euphorischen verweigert sich jedoch oft dem Zeitgefühl des “Problemlösers” mit dem klassischen Vorgehen des Zeitmanagments.

Würde der chronisch Euphorische eine Fahne tragen, stünde darauf „Gegen die emotionale Kurzatmigkeit“. Diese Persönlichkeit gibt dem Team Farbe und fördert viele “kleine” positive Eigenschaften und Fähigkeiten zutage: So weicht das Langweilige und Introvertierte bringen sich mehr ein. Eine bedrohlich wirkende Schwere weicht, weil die emotionale Leichtigkeit immer wieder hervor tritt. Somit entsteht ein indirekter Beitrag zu Lösungen. Natürlich wird an anderen Stellen auch ein direkter Beitrag entstehen. Der oft verkannte Reichtum dieser Persönlichkeit besteht jedoch in der emotionalen Ermutigung.

Der (oder die)  tiefblau Strukturierte

„ZDF“ – Zahlen, Daten, Fakten. Der „Tiefblau Strukturierte“ hat einen bewundernswert souveränen Umgang mit Zahlen. Diese Farbzuweisung hat er übrigens durch den sogenannten “DISG” – Test. Dieser Test teilt die unterschiedlichen Persönlichkeiten in Farb – Schemata ein. Blau steht kurz für die logische, unaufgeregte “Denke”. Stringent logisch, ohne emotionales Herzensflimmern liefert der Denker belastbare Fakten.

In der Regel ist diese Persönlichkeit detail – orientiert. Fehlt irgendwo ein Cent? Geht gar nicht. Die Dinge brauchen ihre Korrektheit. Dazu ist es wichtig, dass der Finanzkompass in die richtige Richtung weist

Wer einmal in einem Team mitgewirkt hat, weiß: Es erfordert schon einiges an Standing, sich im punkto Finanzen durchzusetzen: Oft sind es kleine Beträge, die sich summieren. Und dann hat der tiefblau Strukturierte die gleiche Rolle wie der Finanzminister: Kann er verteilen, wird er geliebt. Nimmt er den anderen die mühevolle Rumrechnerei ab, steigt der Stimmungspegel. Muss er jedoch darauf bestehen, dass mit kleinen Beträgen anders oder überhaupt umgegangen wird, entstehen schnell Spannungen.

A businesswoman stands behind a guardian of chess pieces as she defiantly places her hands on her hips and stares at the vulnerable businessman who stands before her behind his fallen chess piece.

Der tiefblau Strukturierte ist gewohnt, Abläufe von A-Z durchzurechnen. Ganz immun gegen den Betrug, wie er durch den nützlichen Idioten geschieht, ist der tiefblau Strukturierte nicht: In jedem guten Wirtschaftskrimi hat er seinen festen Platz. Die „Absolution“ durch den tieflblau Strukturierten ist einfach unbezahlbar. Das haben auch Vorfälle in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte wieder bewiesen…

Der “tiefblau Strukturierte” ist als reiner Faktenmensch derjenige, der dem großen Visionär eine “geerdete Sicht” entgegen hält.
Beispiel: Eine Kutsche mit Gespann aus 6 edlen Pferden, um sie als Markenzeichen für die Privatbrauerei einzusetzen?

“Chef, die fahren einmal im Jahr groß aus und locken nicht genug Leute hinterm’ Ofen hervor. Dazu sind die Kosten noch viel zu hoch.” 

Wer will sowas hören, wenn er sich in seiner Vorstellung schon damit fahren sieht? Genau. Vielleicht sind solche Situationen der Grund dafür, dass viele Faktenmenschen über einen “staubtrockenen” Humor verfügen. An vielen Stellen kommt auch ihr großer Moment, wenn die glänzende Parade vorbei ist…

Ein Beispiel hierfür ist Max Otte, der schon lange vorher vor der großen Finanzblase gewarnt hatte. Mittlerweile ist er als scharfsichtiger Kenner der Materie ein gefragter Gesprächspartner in Talkshows und Interviews.

Der “Evangelist”

Zugegeben, dieser Ausdruck entstammt in dieser Form eher dem amerikanischen Sprachgebrauch.
Er ist jedoch so faszinierend, dass ich ihn hier unbedingt einbringen möchte – ist doch das Verhalten des Evangelisten von einer bereichernden Hemmungslosigkeit geprägt.

Der „Brand Evangelist“, also derjenige, der der Marke einen hohen Bekanntheitsgrad verschafft, ist einfach die Party auf zwei Beinen. Er ist stets der Sympathieträger. Charismatisch und aufmerksamkeitsstark zieht er die Blicke und die Herzen zur Marke hin.

Der Evangelist hat in der Regel auch die Funktion eines Eisbrechers. Bei genauer Betrachtung wirkt er oft fast großspurig – und genau das verzeihen ihm die Leute gerne: Seine Show ist einfach zu gut.

Die große Begabung des Evangelisten besteht in einem sozialen Sprint: Er überwindet mit der Wirkung seiner Worte jede Einschüchterung. Übrig bleibt eine unkomplizierte Neu-Entdeckung.
„Freiheit und Glück sind so einfach – nimm nur XY!“

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus sehe ich bei „Brand Evangelists“ ein sehr hohes Maß an sozialer Intelligenz. Vielleicht ist es auch an vielen Stellen die Fähigkeit, einen eigenen Fanclub aufzubauen, die diese Persönlichkeit vor frustrierten Größenideen schützt.

Der Evangelist trägt in sich ein konstantes Feuerwerk an neuen Ideen. Unkonventionell bringt er seine Umgebung immer wieder zum Staunen. Ein Paradebeispiel für den einen Evangelisten ist Richard Branson, der mit seinen verrückten Ideen regelmäßig die ganze Welt zum Lachen bringt.

Übrigens muss der “Evangelist” kein hochdotierter Spezialist oder Visionär auf CEO – Ebene sein: Lange haben Unternehmen entdeckt, dass die besten Markenbotschafter die eigenen Mitarbeiter sind. So zahlt sich die Mitarbeiterzufriedenheit auch außerhalb von kununu & Co. aus: Zufriedene Mitarbeiter können ihr ganzes Potenzial mit in das Unternehmen einbringen.

So kann zum Beispiel der Mitarbeiter in der Rechner-Abteilung eines Discounters allein durch seine persönliche und freundliche Art viele Kunden gewinnen: Menschen gehen dahin, wo sie sich sicher und verstanden fühlen. Keineswegs kaufen sie immer “nur billig”. Ein freundliches Auftreten zahlt sich aus. Auch am Ende des Tages in der Kasse.

Abschließend betrachtet fällt mir auf, dass in jedem von uns ein klein bisschen von den meisten Rollen steckt: Gab es nicht diesen einen Moment, wo ich mir eingestehen musste, als „Zahnrad im Getriebe“ benutzt worden zu sein? So wie der nützliche Idiot?

Werde ich nicht schlagartig tiefblau strukturiert, wenn es um mein Geld geht?
Oder zum Propheten, wenn ich um einen Freund besorgt bin? Wo kann ich chronisch euphorisch sein? Hemmungslos blödeln? Und wo schmeiße ich mich so richtig „in die Riemen“, um einem Freund zu helfen?

An vielen Stellen ist es die Kunst, sich stören zu lassen, die uns vorwärts bringt.
Und es ist das Zusammenspiel der Kräfte, welches zur Aufdeckung schädlicher Bestrebungen führt. Die richtigen Umgangsformen ermöglichen die gesunde Balance zwischen Harmonie und Störung. Zwischen Aufmerksamkeit und der “Wohlfühl” – Distanz.

Vielleicht hat das niemand besser ausgedrückt als Hermann Hesse:

„Wer uns ärgert, fragt uns, wer wir sind.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei erfolgmitstil.de.

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