Die Billettasche. Für distinguierte Akzente…

Wie das Kleinod des Understatement den individuellen Ausdruck perfektioniert
Die Billettasche ergänzt den individuellen Stil. Der individuelle Stil ist ein Puzzle. Die Billettasche kann eine wertvolle Ergänzung sein .

Die Billettasche ist dem britischen Stil zuzurechnen. Ihren Namen verdankt sie dem ursprünglichen Zweck, ein Billet oder ein Ticket beherbergen zu können. Dabei reichen ihre Funktionen weit über diesen Zweck hinaus: Dieser textile Verwandlungskünstler beansprucht Gestaltungshoheit – zu Recht.

Die Einführung der Billettasche

Ihren Einzug in die Kleidung der gehobenen Gesellschaft fand die Billettasche um 1850. (s. Literaturhinweis)

Seinerzeit wurde die gehobene Gesellschafts – Kleidung mit verschiedenen Funktionen ausgestattet. So erhielt zum Beispiel der Anzug auch die Möglichkeit, eine Uhr unterzubringen. Auch für die Brieftasche entstand eine Tasche im Inneren der Anzugjacke.

Dient die Billettasche heute eher als schmückendes Beiwerk, so hatte sie früher eine rein praktische Funktion: Es ging darum, alles auf Anhieb griffbereit zu haben. Dies ist auch der Grund für ihre Platzierung: Die Billettasche befindet sich häufig auf der rechten Außenseite des Jackets, über der Tasche.

Der kulturelle Hintergrund der Billettasche

Die Billettasche ist dem britischen Stil zuzuschreiben. Folglich wird sie auch eher mit zwei Seitenschlitzen an der Jacke des Anzugs oder dem Sakko kombiniert.

Dieser Stil rekrutiert sich aus der Militär – Reiterei und lässt sich auf einen ganz praktischen Grund zurückführen:
Die Bewegungsfreiheit des Reiters auf dem Pferd, ebenso wie seine elegante und imposante Erscheinung wurden durch diesen Schnitt gewährleistet.

Der Einsatzort der Billettasche

Eine Billettasche ist meistens bei einem Anzug vorzufinden. Aber auch Mäntel können mit ihr ausgestattet werden: So ziert zum Beispiel die Billettasche auch den Chesterfield, einen klassischen Stadt – Mantel. Auch in Westen oder Hosen findet sich mittlerweile eine Billettasche öfters vor. Die klassische Spielart sieht die Billettasche jedoch nur für den Anzug oder ein Sakko vor. Dort befindet sie sich über der rechten Sakkotasche.

Heutzutage gilt die Billettasche eher als Aufbewahrungsort für Visitenkarten. Mehrfach kann sie an einem Anzug – oder natürlich auch an einem Kostüm untergebracht sein. Auch kleine Innentaschen sind mittlerweile häufig als Billettaschen eingenäht.

Die stilistische Funktion der Billettasche

Mittlerweile wird die Billettasche als Stil – Element des Individualismus regelrecht zelebriert.

Paspeliert, kontrastierend in Farbe und Material gesteht man ihr eine tragende Rolle bei der Gestaltung zu: Akzente soll sie dann setzen, ihren Träger der Uniformität entheben.

Die Billettasche wird zum Beispiel eingesetzt, um den Blick zu lenken. Sie unterstützt die elegante Silhouette ihres Trägers. (Oder der Trägerin, selbstverständlich.)

Billettasche_JesperPloug_Stuttgart

Bild: Maßatelier Plougs, Stuttgart

Materialien und Farben für die Billettasche

Die ursprüngliche Form weist dabei eine Pattentasche oder eine Paspelierung aus. Sie ist in Uni gehalten, also in der Regel aus dem Stoff des Anzuges oder Mantels gefertigt.

Neben den klassischen Stoffarten wie zum Beispiel Schurwolle, Tweed oder auch Kaschmir – Varianten bieten auch Cord und Samt extravagante Möglichkeiten für einen gekonnt ausgefallenen Stil.

Darüber hinaus ist es zur Mode geworden, sie verwegen zu kombinieren: Passend zu Knöpfen und Ellenbogen – Patches kontrastiert ihre Farbe mit der des Kleidungsstückes.
Orange Paspel zum Marine – farbenen Anzug? Cool.
Leder zum Tweed? Klasse.

Gerne wird der Look bei der Billettasche optisch durch das Futter ergänzt, welches die Billettasche im Inneren abbildet. Ein grauer Woll – Stoff mit einem farbig kontrastierenden Futter, welches sich im Stil der Knöpfe und des Garns fortsetzt, bietet zahlreiche Möglichkeiten der Individualisierung. Der farblich kontrastierende Futterstoff bietet dann bei jeder Öffnung der Billettasche einen Hingucker…

(Der dünne Stoff des Futters garantiert übrigens, dass die Billettasche nicht aufträgt und auch elegant wirkt.)

Bias – Cut:
Ein schräg zum Fadenverlauf geschnittener Stoff kann an der Billettasche einen distinguierten Akzent setzen.

Eine stilistisch raffinierte, sehr dezente Spielart besteht darin, die Paspel im schrägen Fadenlauf zu verarbeiten. Die Schnittrichtung, die normalerweise einem besseren Fall von Kleidern und Rücken dient, sieht besonders bei einer unterschiedlichen Fadenstärke gut aus.
„Bias Cut“ nennt sich das Ganze dann im Fach – Jargon.

Auch farblich kontrastierende Nähte können in die gestalterischen Elemente einbezogen werden.
Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt – der Angemessenheit allerdings schon..

Die Grenzen der Spielerei mit der Billettasche

Der Ausdruckskraft der kleinen Tasche sind auch Grenzen gesetzt. Wie alles Gute kann sie ein “Zuviel” bewirken. Deshalb lautet mein Rat:
Finger weg von der großen Show um die Billettasche wenn

  1. Der Anlass sehr formell ist
    Auf einem Empfang im gehobenen Ambiente mit Staatstragenden Persönlichkeiten zum Beispiel hat dieser Look nichts zu suchen.
  2. Sie auf einer Beerdigung sind
    Zu diesem Anlass verzichtet man auf Schmuck und alles, was den Blick auf die eigene Persönlichkeit lenkt. Die Hinterbliebenen allein sowie der Mensch, der von ihnen gegangen ist, erhalten alle Aufmerksamkeit.
  3. Sie die Jahreshauptversammlung oder ein ähnlich Image – prägendes Event leiten
    Hier wird Ihnen diese Spielerei als Eitelkeit ausgelegt. Man erwartet von Ihnen eine eindeutig seriöse Außendarstellung – und die vollzieht sich bei so einem Anlass nunmal stringent entlang der klassischen Linie.

Generell ist die Billettasche einem Stil zuzuordnen, der eher ins Sportliche hinein spielt.
Dies bedeutet, dass sie ein erstes – wenn auch kleines – Anzeichen für eine Abstufung des Hochoffiziellen in einen etwas informelleren Stil spielt.

Link zur Kultur des Kaufens und der gehobenen Herrenbekleidung in Hamburg

Lassen Sie sich diesen Artikel nicht entgehen: Er beklagt nicht nur zu Recht  eine aktuelle Entwicklung in der Landschaft der Herrenausstatter, sondern bietet auch eine Reihe an süffisanten Einblicken in den Stil berühmter Käufer.
https://loomings2011.wordpress.com/2015/03/07/herrenausstatter/

Die Gefahr der Individualisierung

Die Individualisierung des Sakkos bietet sich hier regelrecht an. Gerne wird sie von denen genutzt, die  eine Kultur des Individualismus pflegen. Von dezent und gediegen bis extravagant – die Individualisierung bietet alle Möglichkeiten, der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen.

Allerdings birgt sie in sich auch eine Gefahr: Die der Überbeschäftigung mit dem Ego.

Besonders im „Old – School“ – Segment, bei Präsentationen und formellen Anlässen, kann es unangebracht sein, mit einem Akzent auf die Individualisierung aufzuwarten.

Im Klartext: Wer wirkt, als hat er sich morgens drei Stunden Gedanken darüber gemacht, ob die Paspel der Billettasche auch zur Farbe der Hosenträger und zum zweifarbig Weinrot – Cognac – gefärbten Leder  der Rahmengenähten Budapester passt, ist hinsichtlich des Stils auf der anderen Seite vom Pferd gefallen.

Bei Insider – Treffen, die stilbewussten Exzentrikern eine angemessene Plattform verleihen, oder eben generell im privaten Rahmen, mag dieser Stil gut wirken. Im Kontakt mit dem Kunden sollte der Kunde im Mittelpunkt stehen – nicht der Träger des eigenen Anzugs…

Fazit:

Die Billettasche ist ein textiles Kleinod.
Sie ermöglicht eine Reihe stilvoller Varianten, um der Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen.
Angefangen bei einer kontrastierenden Fütterung der Pattentasche oder der Paspel bis hin zum kontrastierenden Naht- und schrägen Fadenverlauf oder einem anderen Material bieten sich unzählige Möglichkeiten an.

Gleichfalls gilt: Diese Tasche ist ein erstes „Downgrading“, also eine erste Abstufung hin zu einem informellen Stil. Sie entstammt der britischen Stilkultur. Dieser Kontext des Understatement sollte bei ihrer Gestaltung mit einfließen: Eine Reminiszenz an diese wundervolle britische Tradition kann auch dem gehobenen persönlichen Stil einen aufregenden Akzent hinzufügen.

Bei der Gestaltung Ihres persönlichen Stils wünsche ich Ihnen viel Spaß!

Kontakt:
Patrizia Becker
Fon: 0711/ 54 09 64 97
Mobil: 0175/ 22 45 146
Mail: info@erfolgmitstil.de

Literaturhinweise: Geschlecht und materielle Kultur
Autoren:  Gabriele Mentges, Gaby Mentges, Cornelia Foerster, Ruth-Elisabeth Mohrmann, Gabriele Mentges, Ruth-Elisabeth Mohrmann, Cornelia Foerster
Waxmann Verlag im Jahr 2000

(c) Dieser Artikel erschien zuerst auf www.erfolgmitstil.de