Die Schlagfertigkeit

Wie Sie mit leisen Tönen überzeugen
Die Schlagfertigkeit - mehr Verbindung statt Degradierung. Die Schlagfertigkeit heute hat nur noch wenig mit der Sprücheklopferei vergangener Jahrzehnte zu tun.

Die Schlagfertigkeit ist eine der begehrtesten rhetorischen Fähigkeiten. Zwischen Präzisionswaffe und Stimmungsaufheller verleiht sie dem, der mit ihr umgehen kann, Vorteile im Status-Spiel. Doch die Allzweckwaffe ist mit Vorsicht zu genießen.

Die Lacher auf seine Seite ziehen

Es sollte eine ihrer besten Momente im Rampenlicht sein: Im Jahr 2017 schlug Hillary Clinton bei dem Fernsehmoderator Davide Letterman auf. Die Koryphäe des Talks führte die ehemalige First Lady mit den Worten ein „Dass Ihr dahin gezogen seid ist doch wahrscheinlich für viele Leute da aufregend. Ich kann mir vorstellen, dass viele da ein Hupkonzert geben, wenn sie bei Euch vorbei kommen.“
Clinton konterte darauf sehr cool: „Ach Sie waren das also.“ Die mutige Politikerin, die  Schlagfertigkeit auch als ihr Markenzeichen etablieren konnte, hat wieder einmal ihre Visitenkarte abgegeben. Dieser Abend gehörte ihr. Übrigens wurde dieser Part nicht nur für Hillary Clinton zu einem Glanzmoment: Er gilt bis heute auch als einer der Glanzpunkte amerikanischer TV-Geschichte.

Was macht die Schlagfertigkeit aus?

Die Schlagfertigkeit besteht in der Fähigkeit, den Schlagabtausch auf das Feld der eigenen Stärke zu ziehen. Sie kann eine unangenehme Spannung zerplatzen lassen wie eine Seifenblase. Das Unvorhersehbare in ihr garantiert Aufmerksamkeit – in unser Aufmerksamkeits-Ökonomie ein hoher Wert.

Die Schlagfertigkeit entfaltet ihre Wirkung entweder als Medizin oder als totbringendes Gift:
Viel hängt dabei von der Motivation des Akteurs ab – und von seiner rhetorischen Fähigkeit. Ein wahrer Status-Artist zeichnet sich auch dadurch aus, dass er nicht nur draufhaut, um überlegen zu sein. Ihm stehen sowohl die Zitierfähigkeit als auch die soziale Verantwortung vor Augen.

Die Schlagfertigkeit im Licht des Zeitgeistes

Die vergangenen Jahrzehnte waren auch so etwas wie das Zeitalter der großen Sprüche.
„Frechheit siegt“ war das Motto mancher Vorgehensweise. Und natürlich hat so ein verbaler Husarenstreich seinen eigenen Charme. Allerdings fiele so mancher Moment großartiger Schlagfertigkeit heute einem vernichtenden Urteil zum Opfer: Dies kommt daher, dass Stärke jetzt anders interpretiert wird. Ihr wohnt ein Moment der Überlegtheit und des Leisen inne.

„Nimm dich in Acht vor der ruhigsten Person im Raum.“

Und so kann die Schlagfertigkeit durchaus auch einmal darin bestehen, gar nichts zu sagen. Wie hat es ein kluger Kopf mal formuliert?

„Schweigen ist das ultimative Mittel der Macht.“

Diese Weisheit, die jeder gute Vertriebler kennt, führt so auch schon einmal dazu, dass sich der Gesprächspartner „selbst dahin redet, dass er am Ende mehr kauft…“

Und genau hier steckt das Dilemma vieler Menschen, die händeringend um die Schlagfertigkeit kämpfen.
Sie sind der felsenfesten Überzeugung, dass sie darin besteht, immer das letzte Wort haben zu müssen. Was für ein Irrtum!

5 teure Irrtümer über die Schlagfertigkeit

  • Ein Duell ohne Augenhöhe. Rhetorische Überlegenheit zu nutzen um sich selbst zu inszenieren gilt als Erweis innerer Erbärmlichkeit. Zudem schafft so etwas eine toxische Kultur.
  • Ohne Impulskontrolle dem Gegenüber „eins rein zu räumen“ zeigt das Problem des Angreifers noch vor dem des „Zielobjektes“.
  • Was für Deutsche irrsinnig witzig ist, ist für Franzosen eine Zumutung – und umgekehrt.
    Schlagfertigkeit, die Stil hat, birgt in sich einen gesunden Respekt vor dem
    Gesprächspartner.  
  • Der Umgang mit dem höchsten Wert: In Werten spiegeln sich Bedürfnisse wider.  Ist es wirklich ein Zeichen intellektueller Grandezza, hier beißenden Spott und Häme auszugießen? Egal, ob gemalt, gesprochen, gefilmt: Provokation um der Provokation willen führt zu einem hohen Kollateralschaden.
  • Ein vorbereiteter Fragenkatalog, der am Ende den Fragenden groß inszenieren soll.
    Auch, wenn es sinnvoll ist, Situationen vorher einmal zu simulieren, wirkt so ein Vorgehen wenig souverän – und schnell auch hinterhältig.

Die Schlagfertigkeit und der Tipping Point

Da Kunst um der Kunst willen zwar schön, aber auch teuer ist, empfehle ich Ihnen, die Schlagfertigkeit zunächst für den Tipping Point zu optimieren. Der Tipping Point bezeichnet die kurze Zeitspanne, in der eine Situation kippt. Hier kann die Schlagfertigkeit alles entscheiden.

Eines der häufigsten Phänomene zum Tipping Point ist das bekannte „Freeze, flight, fight or fright“.
(Freeze – die Phase hoher Anspannung vor der ersten aktiven „Kampfhandlung“. Flight – fliehen. Fight – kämpfen. Fright – Angst, also z.B. bei Entmutigung.)
Hier ist die Schlagfertigkeit eine gute Möglichkeit, die „Ladehemmung“ abzuwenden: Mittlerweile ist bekannt, dass Areale im Gehirn bei Angst regelrecht anschwellen. Hierdurch wird auch der Zugriff auf vorhandenes Wissen deutlich eingeschränkt. Das Ergebnis? Die richtig guten Antworten fallen einem dann ein, wenn der Kontrahent in weiter Ferne, ist – und das Meeting längst vorbei.

Mit einem angemessenen Repertoire an Möglichkeiten steuern Sie die Situation, und zwar auf konstruktive Art und Weise. Sie erleben vor, während und nach den Situationen nicht mehr diese Anspannung. Ihre Überzeugungskraft nimmt zu, ohne, dass Sie sich fühlen, als manipulieren Sie.
Die Schlagfertigkeit, die stets aus einer verbalen und einer körpersprachlichen Komponente besteht, erhöht Ihre Durchsetzungsfähigkeit, ohne Ressentiments gegen zu schüren.

Die Schlagfertigkeit als Kunstform der Frage: Wie Sie Ihr Gegenüber elegant entwaffnen

Fragen sind das Salz in der Suppe: Die Schlagfertigkeit lebt auch davon, dass die Tür für den Gesprächspartner offen bleibt. (Es sei denn, es geht um die Demonstration purer Dominanz, wie z.B. bei „schwarzer Rhetorik“. So ein Ansatz wird allerdings zunehmend als menschenverachtend empfunden und abgestraft.)

Handlungsempfehlung: Führen Sie die Kritik Ihres Gegenübers mit einem einem Augenzwinkern ad absurdum. Übertreiben Sie – aber bleiben Sie dabei freundlich!  Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht und präsentieren Ihr Ergebnis jetzt einer Runde, die super-kritisch schaut. Anstatt unsicher zu werden, fragen Sie doch einfach mal mit verbindlich-warmherziger Stimme „Sollen wir das direkt wegschmeißen?“ und deuten dabei auf Ihre Präsentation. Sie werden sehen, dass Sie die Lacher so auf Ihre Seite ziehen und eine konstruktive Diskussion starten.

Die Schlagfertigkeit, die in der VUCA-Welt als angemessen erlebt wird, zeichnet sich durch den Verzicht auf Überstärke aus. Sie ist frei von dem Vernichtungswillen, der teilweise den Schlagabtausch der früheren Statusspiele kennzeichnete. Sie wirkt am besten, wenn sie zur Persönlichkeit passt und Phrasendrescherei ein Fremdwort sein lässt.