Der Gaucho-Tanz und die Soziale Fellpflege für “Neuteutonen”

Gaucho-Tanz und Benimm: Kräftig voreinander angeben hat in der Männerwelt den Anstrich sozialer Fellpflege.
Handelt es sich um eine Runde Gleichgesinnter, ist das Ritual meistens in ein paar Minuten erledigt.

Handelt es sich jedoch um einen nationalen Heldentrupp, kann das schon mal hohe Wellen schlagen.
So geschehen gestern am Brandenburger Tor in Berlin.
Die Fanmeile war eine einzige Brandung von schwarz-rot-golden beflaggten Menschen.
Selten ist die Stimmung in unserem Land so: Emotional, losgelassen, hingegeben, einig, überschäumend vor Lebenslust, betrunken von Glück.  Eigentlich genau so, wie „die anderen“ uns Deutschen lange schon mal wieder sehen wollten – gelten wir doch vielen als “Volk von Lehrern und Polizisten”.

Der Gaucho-Tanz: Neuteutonische Unterhaltungskultur im Fussball? 

„Jogi’s Jungs“ haben gekämpft, geschwitzt, geblutet. Sie haben verdient gewonnen und als Gäste einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Also: Mission erfüllt. Gäbe es da nicht eine Szene, die man als letzte den „deutschen Sünden“ zurechnen würde: Einen Tanz!
Der mittlerweile berühmte „Gaucho-Tanz“ nimmt den gebeugten Gang des Verlierers auf die Schippe, in diesem Fall der Argentinier.
„Neuteutonische Unterhaltungskultur“ hat die es „Welt“  genannt, von „Gauchogate“ sprechen Gegner dieser Aktion.

Ist der Gaucho-Tanz nun eine Deutschtümelei, die dem Erfolg der WM einen Wermutstropfen beimischt?  Oder ist sie einfach nur die übermütige Show-Einlage von ein paar jungen Männern, die ihren Fans einfach mal etwas anderes bieten wollten, als „päpstliches Winken“?
Auf der Suche nach der richtigen Umgangsform…..

Magnetismus des deutschen Makels – ausgerechnet im Fussball?

Zunächst einmal: Alle finden, wir haben zu Recht gewonnen. Auch hat die National-Mannschaft mit ihrem Fair Play gezeigt, dass auch unter Hochdruck der Charakter anständig ist. Dieser Eindruck wird noch sehr lange anhalten. Unsere Mannschaft hat uns viele Sympathien gebracht.

„Angst sieht sich mit den Augen des Feindes“ hat jemand mal gesagt. Ist es die Angst vor  deutschem Größenwahn, die diese  übermütige Tanz-Einlage zu einer nationalen Tragödie aufplustern will?
Ist es die Selbstverpflichtung einer schuldbeladenen Vergangenheit gegenüber, die aus Angst vor Fehlern eine Kultur der ausschließlichen Vorsicht predigt?
Ich halte sehr viel davon, eine Umgangsform zu pflegen, die dem anderen Respekt zollt.
Und ich glaube kaum, dass es auch nur einen im deutschen Team gibt, der Messi & Co. die Hochachtung verweigert.
Aber ich glaube auch, dass man junge Leute nachhaltig demotivieren kann, wenn man ihnen eine Altersweisheit verordnet, die jede Spontaneität und Authentizität zerstört.
Der Gaucho-Tanz war übermütig, ja.  Aber er hat die Gegenspieler nicht als Persönlichkeiten verunglimpft.

Der Unterschied zwischen Fussball und Politik

Mehr als befremdlich allerdings wirkt dagegen die Aussage Dirk Niebels, der den immerhin vierfachen Weltfussballer Messi in Zusammenhang mit einem Müllsammler setzt.
Der Ex-FDP-Politiker und Ex-Bundesentwicklungsminister erntet für seinen öffentlichen Facebook-Post v. 13.07. harsche Kritik. Zu Recht, wie ich finde. Das gehört sich nicht. Schon gar nicht für einen ehemaligen Bundesentwicklungsminister.

Umgangsform, das ist nicht nur ein Moment

Ich bin überzeugt, dass es unsere Pflicht ist, anderen Nationen mit Respekt und Freundlichkeit gegenüber zu treten.  Und das betrifft übrigens uns alle, nicht nur die Nationalmannschaft. Wir alle erzeugen ein Bild von Deutschland. Und wenn das positiv ist, wird dieser Moment auch von anderen als das gewertet, was er ist: Übermütige Angeberei, soziale Fellpflege. Kein Gegenstand nationalen Tadels.