Maßanzug: Wie sinnvoll ist so etwas überhaupt?

Maßanzug Wie sinnvoll ist ein Maßanzug wirklich? Und was muss man beachten um gut rüberzukommen?

Maßanzug. Dieses Wort trägt in sich immer noch den Hauch der Devotionalie. Maßanzug, das ist der Arbeits-Anzug von James Bond. Und der ist bekanntlich immer umwerfend. Die Frage ist nur: Wie sinnvoll ist so etwas überhaupt? Jesper Ploug, der Inhaber des Maß-Ateliers  „Ploug’s“ analysiert für Sie die Schlüsselfaktoren des professionellen Looks. Und die des Anzugs von Donald Trump…

Patrizia Becker: Herr Ploug, die Kleidung des neuen amerikanischen Präsidenten scheint zuerst auf Bequemlichkeit ausgerichtet zu sein…Wäre “Maßanzug” hier ein Stichwort?

Jesper Ploug: Die Signale, die von Donald Trumps Kleidung ausgehen, sind nicht nur unter dem Stichwort „Bequemlichkeit“ zusammenzufassen. Er trägt den Mantel offen, eine leuchtend-rote Krawatte – hier sieht man schon den typischen Kleidungs-Stil des „Machers“.
Und, nebenbei bemerkt, auch in einem schmalen Anzug kann man Bequemlichkeit genießen.
Dazu sollte man halt bereit sein, etwas Zeit für eine Beratung zu investieren – und etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen. Bei Donald Trump würde es schon reichen, wenn die Schultern angepasst würden. Im Grunde genommen stammt sein Stil aus den 80-er Jahren, also aus der Zeit, wo er aufgestiegen ist.

Patrizia Becker: Stimmt. Gleichzeitig kann es ja nicht nur der Zeitgeist sein, der den Stil prägt.

Jesper Ploug: Nein, natürlich nicht. Ein amerikanischer Anzug ist natürlich anders geschnitten als die europäischen Anzüge, also z.B. aus Italien oder England. Auch die Anzüge von Obama hatten einen klassisch-amerikanischen Stil – auch, wenn sie schmal geschnitten waren.

Patrizia Becker: Mal  zum Geld: Von welcher Spanne reden wir denn hier konkret, wenn Sie „etwas mehr“ sagen?

Jesper Ploug: Im direkten Vergleich kann man von ca. 100 bis 200 Euro mehr ausgehen, die ein maßgeschneiderter Anzug kostet. Sprich: Die Stoff-Qualität und die Verarbeitung bzw. die Extras sind auf dem gleichen Niveau wie bei dem Anzug von der Stange.
Das liegt an der Kalkulation: Ein großer Händler bekommt die Anzüge zwar billiger, weil er auch größere Stückzahlen abnimmt. Gleichzeitig hat er aber auch andere Kosten aufgrund seiner Lager-Logistik und seiner Personalkosten. Ein Atelier mag zwar teurer einkaufen, aber mit sehr viel geringeren Lager- und Personal-Kosten.

Patrizia Becker: Ok, dann wäre da noch der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Schneider. Wie erkenne ich den? Ketten mit Design-Interior und englischen Stoffmustern gibt es doch wie Sand am Meer…..

Jesper Ploug: Ich wundere mich auch immer über die ganzen Leute, die mit MTM (Made-To-Measure) anfangen und keinen Ausbildungs-Hintergrund haben. Das mag gut gehen bei einer Größe 48 ohne individuelle Merkmale. Kommt allerdings ein Kunde mit ungleichen oder abgeschrägten Schultern in den Laden klappt das oft nicht mehr.
Der Kunde gibt ja einen Vertrauens-Vorschuss. Der Schneider muss verstehen, wie der Kunde wirken will. Wenn z.B. ein Kunde für eine Vorstands-Sitzung einen Anzug braucht, dann muss der Schneider den Kontext verstehen, in welchem sich der Kunde bewegt.
Dazu kommt, dass die meisten Ketten nicht frei mit Webern arbeiten, sondern über eine sehr viel kleinere Stoff-Auswahl verfügen. Ich habe 15 bis 20 „Italiener“ im Angebot und ca. 10 „Engländer“.

Patrizia Becker: Angenommen, ich plane den Aufbau einer professionellen Garderobe. Wie fange ich da am besten an?

Jesper Ploug: Mit wenig. Ich empfehle, die Großteile wie Anzug, Kostüm, Jackett und Mantel in klassischer Variante zu nehmen. Langlebigkeit, also hochwertige Qualität, zahlt sich hier allemal aus.
Ist Trend gewünscht, kann man ihn über T-Shirts, Hemden und Accessoires rein bringen.
Auch ist es nicht mehr zeitgemäß, dass jemand z.B. 25 oder 30 Anzüge im Schrank hat.
Vier bis sechs Anzüge reichen vollkommen. Sind die abgenutzt, kommen sie weg und werden ersetzt.
Auch sollte der Stoff nicht zu leicht sein. Und der Lebens-Stil des Trägers muss unbedingt beachtet werden: Wer z.B. lange im Auto sitzt tut sich mit Leinen einfach keinen Gefallen.

Patrizia Becker: Also ist der Kontext, in dem die Kleidung getragen wird, fast so wichtig wie die Passform….. Das lässt auch die Frage nach den Marken aufkommen…
Nehmen wir mal das ganz berühmte „H“ – den Gürtel von Hermes.

Jesper Ploug: Nun, Hermes fertigt seine Gürtel aus hochwertigstem Büffel-Leder. Das „H“ macht dann den „Hermes“-Gürtel daraus. Beides zusammen führt zu dem hohen Preis. Ich habe größten Respekt vor dem Unternehmen, weil sie ihre Linie konsequent gehalten haben: Erstklassige Qualität, die eben auch nur über autorisierte Händler zu erwerben ist. Nebenbei bemerkt: Gürtel aus eben diesem Leder führe ich auch. Mit klassischer Gürtelschnalle.

Patrizia Becker: Tja, Hermes…. Auf so eine Tasche im Wert von ein paar Tausend Euro wartet der „kaufbereite“ Kunde mehrere Jahre….

Jesper Ploug: (grinst…) Klar, es geht um künstliche Verknappung.

Patrizia Becker: Ich würde gerne nochmal zurück kommen auf den Trage-Komfort der Kleidung, bzw. den Look von Donald Trump:
Ich kenne einige Herren, die ihre Kleidung unter dem Leitgedanken „bequem“ kaufen. Egal, ob von der Stange oder als Maßanzug:
Mittlerweile verstehe ich auch, warum z.B. Hosen auf den ersten Blick wahnsinnig weit wirken.
Hosenbeine, die sich an der Wade festhängen, wenn man sitzt oder die Treppe hochgeht – das nervt doch einfach nur. Nimmt man jetzt mal z.B. einen absoluten Macher wie Trump….

Jesper Ploug: Ein Anzug von der Stange ist oft innen verklebt. In einem Maßanzug sind die Einlagen vernäht, das sorgt für Bequemlichkeit. Es ist auch dieser “Softness”-Faktor, der für ein hohes Maß an Tragekomfort  sorgt.
Passt der Anzug, dann unterstreicht die Silhouette und das, was ich darin bewirken will.
Letztlich macht es die Silhouette aus und nicht, ob der Anzug im Karo einen grünen oder blauen Faden hat. Und da ist die Schulter in der Tat wesentlich: Dafür muss ich halt ein Auge entwickeln.
Ist die Schulter gerade, abgerundet…? Hilfreich ist, wenn der Kunde einfach mal vier bis fünf Formen von Maßanzug anziehen und dann selbst entscheiden kann. Denn kein Mensch ist genormt. Jeder hat seine eigene Wirkung. Die muss gute Kleidung unterstreichen.

Patrizia Becker: Was ist denn im Moment so im Trend?

Jesper Ploug: Im Moment sind es Westen: 70% der Anzüge haben eine Weste. Wobei interessanterweise die Weste über die Einzelanfertigung in Mode gekommen ist: Weste zur Jeans z.B.

Patrizia Becker: Der Preis?

Jesper Ploug: 169, 179 Euro….

Patrizia Becker: Also geht es im Grunde um die Entwicklung eines individuellen Stils, den ich zuerst mit der Silhouette festlege. Dann kann ich mich der Farbe und den Extras widmen….

Jesper Ploug: Genau. Ich muss zuerst mal sagen „Das bin ich.“ Und dann muss ich auch den Mut haben, dazu  zu stehen und das durch zu ziehen. Wie z.B. Steve Jobs: Der hat auch irgendwann mal einen schwarzen Kaschmirpullover getragen und das zu seinem Markenzeichen entwickelt.

Patrizia Becker: Danke für das Interview.

Jesper Ploug: Gerne.

Im Atelier finden auch verkaufsfreie Events wie z.B. Vorträge, Whisky- oder Gin-Tasting statt.

Kontakt: 
Fon: 0711/ 54 09 64 97
Mobil: 0175/ 22 45 146
Mail: info@erfolgmitstil.de

Alle Rechte liegen bei Patrizia Becker, erfolgmitstil.de

Bild: istock by getty images.

 

 

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