Schlagfertigkeit. Oder: Der leise Weg zum Meinungsführer

Fehlerkultur - ein Meisterwerk Zwischen der Fehlerkultur und den besten Talenten im Unternehmen besteht ein enger Zusammenhang.

Eine gute Diskussion lebt von Schlagfertigkeit. An den Hotspots der Strategie lebt sie auch von Scharfzüngigkeit. Scharfzüngigkeit lebt von der Schwäche des Gegenspielers.

Dieser wiederum lebt sich dann durch das, was er nicht geschafft hat. Oder was sein gewiefter Gegenspieler aus ihm macht. Mehrheitsbeschaffung lebt dann mitunter auch vom hilflosen Schweigen.

Schlagfertigkeit ist der Umgang mit dem Imagewechsel

Wer z.B. „Neger“ sagt, lebt sofort in den Köpfen der Zuschauer als ewig-Gestriger, nicht als Schlagfertiger, denn er hat ein Wort benutzt, welches auf dem Index ist. „Neger“ ist nicht nur bisschen daneben, „Neger“ gilt mittlerweile als rassistisch. Oder Konzentrationslager. In der „Hitze des Gefechts“ die überfüllten Flüchtlingslager so zu nennen bringt sofort den Malus der Fehlhaltung.
Das Ergebnis von so einem Ausrutscher ist immer das Hoch des Gegners, der unter dieser Steilvorlage aufblüht. Für einen kurzen Moment lang scheinen die Karten klar verteilt, kann jeder sehen, wer die Guten sind. Eine spannende Diskussion ist ein bisschen wie Fußball: Wer gerät in die Abseitsfalle und wer verwandelt Steilvorlagen?

Schlagfertigkeit: Das Schaulaufen für Meinungsführerschaft

Schon die alten Griechen wussten: Der rhetorische Diskurs hat das Zeug zum Schaulaufen der Meinungsführer. Konsequenterweise schufen sie um dieses Momentum herum auch populäre Events.
Wir tun es den alten Griechen gleich:
Talk-Shows haben in Zeiten brisanter Themen Doppelfunktion. Sie dienen dem direkten Vergleich und zur Mehrheitsbeschaffung.  Hier fallen Vorentscheidungen ebenso wie Helden.

Schlagfertigkeit sollte nicht für billige Siege missbraucht werden

Gefährlich wird diese Kunst, wenn sie zum Selbstzweck wird. Zur puren Statuspflege verkommt. Dann besteht die Gefahr, dass man das eigentliche Ziel aus dem Blick verliert.
Eine Kultur der Vermeidung entwickelt. Sich vom Gegner verformen, seiner Schaffenskraft und Relevanz neutralisieren lässt.
Die mediale Arena verkommt dann zum Ort billiger Siege, gemäß dem Motto: „Guter Inhalt ist schön. Schlechter Inhalt ist aufregend und bringt Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit bringt Bewegung. Und diese wiederum kann Wechselstimmung einleiten.“

Bei Meinungsführerschaft gilt: Schlagfertigkeit ist mitunter auch fehl am Platz

Sehr gut zu beobachten war all das in der Sendung „Hart aber fair“ mit Moderator Frank Plasberg zur aktuellen Flüchtlings-Diskussion.
Moderator und Sendung genießen einen zweifelsfrei guten Ruf, vermitteln präzise Stimmungsbilder.
Sind frei vom Verdacht des politischen Steigbügelhaltertums.

Und dann die oben beschriebenen Ausrutscher: Dem „Neger“ des bayerischen Innen-Ministers Hermann folgt das „Konzentrationslager“ des Journalisten Yogeshwar. Auch, wenn die Bezeichnung „wunderbarer Neger“ für den Entertainer Roberto Blanco von Hermann schlecht gewählt war: Blanco, so war Tag darauf zu vernehmen, bevorzugt das Wort „Farbiger“, fühlt sich durch Hermanns Äußerung aber nicht beleidigt.
Ranga Yogeshar, gerät kurz in eine Verteidigungsposition, als er aufgeregt „Konzentrationslager“ nennt, was eine viel zu enge Lagersituation für Flüchtlinge ist.
Die Entschuldigungsrunde folgt prompt: Reicht dem Journalisten Yogeshwar ein Geraderücken in der Sendung stehen für den Minister die Entschuldigung bei Blanco und eilige Presse-Veröffentlichungen an. Schlagfertigkeit ist hier fehl am Platz: Jetzt will man ehrlich gemeinte Beteuerungen sehen.
Bitte verstehen Sie mich richtig: Respekt ist wichtig, das Vermeiden von verletzenden Worten und die Bereitschaft, sich für Fehltritte zu entschuldigen gehören selbstverständlich dazu. Von einem Menschen mit breiter Öffentlichkeitswirkung wird das zu Recht erwartet. Es ist Pflicht, keine Kür.
Die Demonstration innerer Nähe zum Anstand ist jedoch nur die Vorderseite der politischen Gepflogenheiten.

Strategie

Die Grundhaltung des Lauerns auf gegnerische Fehler ist Strategie.
Sie ist ein Standard-Tool im Repertoire des Strategen.
Diese Methode bis zum Abwinken anzuwenden nennt man „fixiert  auf billige Siege“.
Die Fähigkeit, darauf zu verzichten dann wiederum „innere Größe“.
Innere Größe ermöglicht Neu-Anfänge. Der Verzicht darauf, einen gegnerischen Fauxpas auszuschlachten, schafft eine überraschende Wendung – kommt die Spannung doch von einer anderen Seite, war unvorhersehbar. Unvorhersehbares erweckt bei vielen Menschen die Assoziation von Negativem. Unvorhersehbarkeit in Verbindung mit Edelmut gibt einer Situation eine andere Grundlage. Von dieser aus kann man dann wieder eine andere Richtung einschlagen. Kann der Gegner sich auf mich zu bewegen, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Ein weiterer Vorteil dieser Fähigkeit ist eine enorme Zeit- und Kraftersparnis.
Die Zeit für eilige Entschuldigungen könnte man in sinnvolle Tätigkeiten und Gespräche investieren.
Ganz zu schweigen von der zusätzlichen Motivation: Eine Kränkung zu überhören, einen Fehltritt zu übergehen hat in sich die Kraft, schlagartig Abläufe zu ändern.

Über das Spiel mit Strategie und Schlagfertigkeit hinaus….

Am Beispiel der oben erwähnten Talkrunde z.B. könnte das in etwa so aussehen:
Herr Yogeshwar hätte die Möglichkeit gehabt, seine durchdachten Ausführungen weiter fortzusetzen. Wir hätten im Gespräch weitergehende Lösungsansätze bekommen.
Mehr im Stil von „Wenn jeder sich um einen Flüchtling kümmert, ist für alle gesorgt.“
Der bayerische Innenminister Hermann hätte zum Thema des beschleunigten Verfahrens die Vorgehensweise präziser darlege können. „Wie plant ein wirtschaftlich starkes Bundesland, die Flüchtlinge nachhaltig zu integrieren? Über den „Arbeitseinsatz“ und die jetzige Aufmerksamkeit hinaus?“

Schlagfertigkeit als Massenwurfsendung

Billige Siege bringen Kurzzeit-Ergebnisse. Auf Kosten von nachhaltigen Gedanken und Strategien.
Maurice Ravel hat einmal gesagt „Die stärkste Kraft auf der Welt ist das Pianissimo.“
Ob er jemals an einer Talk-Runde teilgenommen hat ist mir leider nicht bekannt.
Aber eins weiß ich genau: Er hat mit diesem Wissen musikalische Werke geschaffen, die bis heute Quotenhits sind. Den Bolero z.B. Den gibt’s heut noch. Und er versprüht immer noch Hochglanz, stolze Erhabenheit. Anders als viele billige Siege, die inzwischen gefeiert wurden.
Die teilen sich nämlich das Schicksal aller Massenwurfsendungen: Unvermeidlich und glanzlos.
Schlagfertigkeit, oft bemüht, hat eben nur das Überraschungsmoment eines Fahrplans.

(Bild: fotolia, Fotograf Minerva Studios)