Nach Sarkasmus: Wie steuere ich das Szenario?

Mobbing. Mobbing. Der häßliche Zwilling der seriösen Konfliktkultur.

„Das haben Sie ja schnell gemerkt!“ Die Worte des Brand Managers waren freundlich – auf den ersten Blick. Äußerlich. Innerlich bewirkten sie etwas ganz anderes: Sie glitten langsam und zielsicher hinab in die emotionale Wahrnehmung seines Gegenübers. Tom ging der herablassende Ton des Vorgesetzten schon länger auf die Nerven. Doch was sollte er tun? Seine nach Sarkasmus förmlich riechenden Bemerkungen waren in jeder Situation geschickt platziert, so dass Gegenwehr nicht so leicht schien.

Diagonale Kommunikation nennt man das, wenn einer aus der Position des Höheren herab redet – auf den „kleinen Empfänger da unten“. Je nachdem, wie spöttisch das einer tut, kann das schon ziemlich verletzen..
Wie reagiert man mach Sarkasmus souverän – und was kann man sich direkt sparen?

Ist das Ansehen nach Sarkasmus beschädigt?

Zuerst einmal ist es wichtig, dass Tom sich in so einer Situation klar wird über das, was eigentlich passiert. Ist jemandem nur eine Bemerkung herausgerutscht? Oder unternimmt hier jemand vorsätzlich einen Angriff auf die Identität oder Integrität meiner Person? Das ist ein großer Unterschied. Die Entscheidung über Relevanz oder Irrelevanz des Gesagten bildet eine wichtige Grundlage für das weitere Vorgehen.

Jedem von uns rutscht mal eine Bemerkung raus, die nach Sarkasmus aussieht. Tritt der Manager sonst kooperativ auf, wäre das ein Hinweis darauf, dass seine Bemerkung eher irrelevant war. Da sollte man dann auch innere Größe zeigen und nicht „aus einer Mücke einen Elefanten machen“. (Eine kurze Bemerkung nach Ende des Meetings reicht.)

Ein Indiz: Dauer und Wiederholung

Hier allerdings können wir aufgrund der Dauer und Wiederholung nicht ausschließen, dass sein Verhalten vorsätzlich demoralisierend ist. Angriffe, die nach Sarkasmus aussehen, ohne Reaktion konstant über sich ergehen zu lassen, führt häufig zu mittel- bis langfristigen Folgen. Da diese in Auswirkungen auf die Gesundheit bestehen können, ist ein überlegtes und konsequentes Vorgehen ratsam.

Was passiert?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich in so einer Situation selbst zu verstehen: Tom hat offensichtlich bisher das übergriffige Verhalten des Vorgesetzten erduldet. Diese „Nadelstiche“ in sich zu tragen baut  auf Dauer etwas in uns auf – es verändert unsere emotionale Landschaft. Es verändert unsere Wahrnehmung. Es verändert unser Selbstbild und unsere Impulskontrolle. Es kann zu unkontrollierten Reaktionen führen, mit denen wir uns dann selbst „ins Aus schießen“.
(Nebenbei bemerkt ist genau das eine häufige Zielsetzung von Provokateuren.)

Einschätzung eines Geiselverhandlers

Der Psychologe und ehemalige Geisel – Verhandler George Kohlrieser beschreibt diesen Vorgang so:
„Ein grundsätzliches Missverständnis bei Emotionen ist, dass sie einfach so gehen. Das können sie nicht. Im Gegenteil: Sie werden in unserem Körper bleiben, sich verändern, bis wir sie freisetzen…..
Die Entladung … der Gefühle… ist extrem wichtig… Findet diese nicht im ausreichendem Maße statt, kann das bedeuten, dass diese Person in einem Spannungszustand bleibt und so andere Gefühle blockiert werden…. Wenn wir keine Zuneigung (Liebe) empfinden können, kann es an einer Blockade durch Angst oder Ärger liegen.“

Emotions-Management nach Sarkasmus ist ein zentrales Thema.

Nichts für Feiglinge

Dabei kann der Blick nach innen kann ziemlich viel Mut erfordern: Ein Erkennen des Ist-Zustandes legt oft eine Handlungs-Empfehlung nahe. Und die kann so aussehen, dass ein einseitig herbei geführter Waffenstillstand zunächst einmal verlockender erscheint. Hilflosigkeit kommt häufig im Kleid der Friedensliebe oder der „Egal-Mentalität“  daher. Auch die Version „Ich unterfliege das Radar, lasse mich bewusst unterschätzen“ ist ein beliebter Rettungsanker fürs Selbstbild.
Die charmante Lüge führt äußerlich bestenfalls in die Stagnation. Mir ist noch nie jemand begegnet, der damit auf Dauer zufrieden geschweige denn glücklich war.

Was kann Tom also tun, um dem Sarkasmus des Managers zu begegnen?
Zur Auswahl stehen diese Möglichkeiten:

Möglichkeiten, nach Sarkasmus eine Änderung herbei zu führen

  1. Er hofft, dass dieser von alleine drauf kommt, ein zerstörerisches Sozialverhalten zu haben – und folgerichtig sein Verhalten zu ändern.

    Die Hoffnung, das Verhalten des Managers so durchzustehen wird sich kaum erfüllen: Entweder dieser hat einfach keine Selbstwahrnehmung oder demoralisiert vorsätzlich. Erfahrungsgemäß sucht sich ein Aggressor seine Zielscheibe aus einem bestimmten Grund aus. Solange ihm diese Angriffsfläche ein Erfolgserlebnis bietet, gehen die gepflegten Hässlichkeiten weiter. (Das ist zumindest meine Beobachtung.)Nichts zu machen wird das Problem kaum lösen: Tom wird im Laufe der Zeit in seinem Status auch in den Augen der anderen sinken.
    Seine Souveränität wird allmählich erlöschen, bis sie in der Wahrnehmung der anderen nicht mehr da ist. Dann tritt in der Regel Mitleid an die Stelle des Respektes.
    Wer will so etwas?
  2. Er konfrontiert den Manager sofort nach dem Sarkasmus. Vor allen.

    Das kann man machen – mit einem unaufgeregten, etwas frostigen Ton. „Herr Meier, das ist jetzt das dritte Mal, dass mich für eine Selbstverständlichkeit loben.“
    Fertig. Mehr nicht. Dann macht Tom sofort weiter im Text. Diese Variante ist eine Konfrontation auf Augenhöhe.

    Im Grunde genommen lautet die Botschaft an den Manager: „Für die Opfer-Rolle fühle ich mich nicht zuständig. Überleg Dir gut, wie Du mit mir umgehst.“Der Vorteil dieser Reaktion ist, dass Tom dann auch nicht in die Opfer-Rolle geht.  So behält er seinen hohen Status und auch die Souveränität. Eventuell müsste er damit rechnen, dass der Manager dann noch einmal nachlegt.

    So etwas muss man sich im Vorfeld überlegen: Geht einem hier die Puste aus, ist es um so blamabler. Dann kann ein anderes Vorgehen besser sein. Auch ist Angemessenheit bei diesem Vorgehen wichtig: Läuft es auf eine bloßstellende Konfrontation hinaus, ist für beide wenig gewonnen. Wird das Augenmerk der Anwesenden vom Inhalt weg gelenkt, leidet nicht nur die Atmosphäre eines Meetings: Auch gehen kostbare Ressourcen an Zeit, Kreativität und Energie verloren. Ob das zielführend ist?

  1. Tom kommt offiziell aus „Blöd“:

    Wie meinen Sie das denn, Herr Meier?
    Die Treudoof-Variante hat den Vorteil, dass sie Angriffe im Nichts verpuffen lässt, ohne Aggressionen aufzubauen. Nett, irgendwie. Und direkt nach dem Sarkasmus wirkt Tom damit auch souveräner als Meier: Die verhohlenen Lacher hätte er wohl auf seiner Seite…

  1. Ruhig blieben, dann das Gespräch unter vier Augen suchen.

    Diese Variante lebt von Selbstbeherrschung und Couragiertheit gleichermaßen:
    Das degradierende Verhalten des Managers vor den anderen auszusitzen erfordert innere Grandezza. Die Führungskraft dann zu einem Gespräch unter vier Augen zu bitten, erfordert Angemessenheit und Bestimmtheit. (Wortwahl und Ton) Mit Hinhalte-Taktiken kann sich Tom hier jedenfalls nicht zufriedengeben.

    Im Gespräch geht es dann darum, die Karten auf den Tisch zu legen.Sachlich sollte Tom schildern, wie das Ganze auf ihn wirkt. Und dann sollte er zuhören. Mitunter haben solche Abläufe ihren Anfang in einem Missverständnis oder in einer Zeit, wo alles „drunter und drüber“ ging, Rollen-Konfusionen da waren oder ähnliches.

    Sachlichkeit, Klarheit. Offenheit

    Ziel dieses Gespräches sollte in jedem Fall ein konstruktives Miteinander sein – und dazu braucht Tom eine innere Offenheit dem Gesprächspartner gegenüber. Bei bereits erlittenen Demütigungen erfordert das ein beträchtliches Maß an innerer Größe! Auch sollte Tom sich vorher überlegt haben, was er im Falle mangelnder Gesprächsbereitschaft macht. Sich an den Vorgesetzten des Managers oder die HR-Leitung wenden? Das wäre eine weitere Möglichkeit. Die Abteilung oder Firma wechseln? Konsequenz ist ein scharfes Schwert…

    Diese Variante hat den Vorteil, dass das Klima nicht so beeinträchtigt wird. Viele Menschen unterschätzen den Schaden, der durch einen Streit entsteht. Auch hat Toms Manager die Möglichkeit, sich offener zu äußern als vor versammelter Runde.

  1. In Bewertungsforen oder sozialen Netzwerken mächtig Dampf ablassen.

    Die Frage ist, wieviel man damit wirklich ändern kann. Außer dem vorübergehenden Gefühl der emotionalen Erleichterung wird für Tom hier nicht wirklich eine Änderung erwirkt.

    Auch schafft das Leben rund um den gestilltem Rachedurst selten erfolgreiche Persönlichkeiten.
    Von der Erfüllung einer großen Vision habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört.Das Bild, was man nach außen abgibt, wenn man andere Menschen konstant diskreditiert, ist zudem kein sehr erhabenes. Die Frage „Warum machst Du denn dann nichts, wenn’s so furchtbar ist?“ sollte in einem aufrichtigen Freundeskreis dann schon einmal auftauchen….Nach Sarkasmus noch sachlich und angemessen zu reagieren ist oft nicht leicht. Aber eben diese Momente sind es, die oft über unsere Zukunft entscheiden.

    Tipp eines Managers

    „Nie aus dem Gefühl der Bitterkeit heraus gehen, da verschlechterst du dich nur“ hat ein Manager mal geraten. Bis heute habe ich seine Worte oft bestätigt gefunden. Man kann äußerlich schon weg, aber innerlich noch da sein. Und Hass blendet…

  1. Die Führungskultur präzise einordnen
    Die Situation von Tom ist auch eine Frage, die nicht nur auf die Ebene „Tom – Manager“ beschränkt werden kann: Ist die Führungskultur von einem hohen Eigenanspruch geprägt, werden Toms Maßnahmen anders verlaufen als bei Menschen mit geringerem Eigenanspruch.Wenn ich auf kununu lese, dass das Verhalten der Vorgesetzten mit zwei Sternen, der Mitarbeiterzusammenhalt aber mit fünf Sternen bewertet wird, dann baut sich schon ein bestimmtes Bild vor dem inneren Auge auf. Auch für den, der Bewertungsforen gegenüber skeptisch ist, ist so etwas ein Indiz – kein schmeichelhaftes, nebenbei bemerkt.Nachbesserungen der eigenen Führungsebene, die das eigene Erscheinungsbild dann mit vier (natürlich nicht mit fünf Sternen bewertet) können nicht wirklich überzeugen…Der Versuch der Schadensbegrenzung wird hier leider an der falschen Stelle vorgenommen – und durch die extreme Fluktuation der Mitarbeiter sowieso ad absurdum geführt.


    Handlungsempfehlung:

    1. Bilanz ziehen
    Tom sollte eine innere Bilanz ziehen: (Will er nicht mehr – oder will er nicht mehr so?)
    Was hatte er vor Augen, als er diese Aufgabe übernommen hat? Wo ist eine Abweichung gekommen? Wie sieht ein klassischer Verlauf so einer Situation aus? Wer ist er im Inneren, wenn er so handelt? Wo ist seine Grenze?

    2. Klares, faires Vorgehen
    Ein faires Gespräch unter vier Augen kann eine verbesserte Grundlage zur Zusammenarbeit schaffen. Ich habe auch schon öfters erlebt, dass eine offene Aussprache zu Nachdenklichkeit geführt hat. Hier ist dann auch der Ort, um Dinge, die nach Sarkasmus aussehen glasklar beim Namen zu nennen.

    Auch habe ich oft gesehen, dass es für das „hochgeklappte Visier“ aufrichtigen Respekt ergab: Dieser kann dann eine Grundlage für eine weitere Entwicklung sein. Manchmal gehen solche Entwicklungen nur schrittweise, sind dann aber von hoher Belastbarkeit in der späteren Zusammenarbeit geprägt.

    3. Verzicht auf “Oberflächenvergrößerung” 
    Ich würde Tom empfehlen, nur die nötigen Leute in die Sache mit einzubeziehen.
    Selbstachtung und Reputation sind zerbrechlich – und ein „weinerlicher Oberflächenvergrößerer“ ist  im Unternehmen selten hoch angesehen…

    4. Konsequenz
    Findet Tom für sein Anliegen kein Gehör, sollte er sich nach einer neuen Herausforderung umsehen. Dies gilt auch für den Fall, wo ihm zwar im Gespräch Recht gegeben wird, aber keine nachvollziehbare Änderung des Verhaltens eintritt. Dann macht es auch keinen Sinn, noch etliche weitere Gespräche zu führen, denn dann  zementiert er nur die Position des Opfers auf andere Weise. (Zudem würde Tom für alles, was nach Sarkasmus aussieht über-sensibilisiert, auch außerhalb des Unternehmens.

Stil im Umgang mit sich selbst und anderen

Ist Tom sich dieser Konsequenzen bewusst, hat er eine solide Grundlage für sein Vorgehen.
Er strahlt Souveränität aus und beweist Stil im Umgang mit sich selbst und anderen: Verhaltensweisen, die nach Sarkasmus aussehen muss niemand auf Dauer tolerieren.

Abstract:

Verhaltensweisen, die nach Sarkasmus aussehen, haben ein hohes Verletzungspotenzial. Wiederholen sich solche Situationen, ist ein Handeln erforderlich: Zwischen Rückzug, Entwaffnung durch humoreske Einlagen und Konfrontation gilt es eine Entscheidung zu treffen.

Wichtig ist, an keiner Stelle, auch nicht gedanklich, in die Opfer-Rolle zu gehen. Die Erfahrung hat gezeigt: Eine faire, sachliche und glasklare Auseinandersetzung mit einem ausgewählten Kreis an Adressaten führt zum besten Ergebnis.

Eine erfolgskritische Grundlage besteht darin, sich bereits zu Beginn über mögliche Abläufe und Konsequenzen im Klaren zu sein. Handlungen auf dieser Basis lassen eine Persönlichkeit souverän und reflektiert wirken. Sie stärken auch die Selbstachtung.

Nicht immer kann in einem einzigen Gespräch sofort eine 100%-Lösung erzielt werden: Folgen einem offenen Gespräch allerdings glaubwürdige Handlungen, wird der aufrichtige Wille zum konstruktiven Miteinander bestätigt.
Beziehungen, die so gebaut werden, erweisen sich oft im späteren Verlauf als besonders tragfähig.

Besonders wichtig für den Adressaten des Sarkasmus ist, dass er ins Handeln kommt: Mit innerer Verbitterung als “Unterlegener” zu gehen vergiftet schnell die Selbstwahrnehmung in allen weiteren Prozessen.

Fazit:
Die Art, wie man ein Szenario verlässt, bestimmt, wer man im nächsten ist.

Kontakt:
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Alle Rechte liegen bei Patrizia Becker, erfolgmitstil.de

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Das Buch, aus dem das Zitat entnommen ist heißt “Hostages at the table”.
(Kapitel “Mastering our Emotions”/Emotions-Management, S. 182)
Der Autor ist George Kohlrieser. Erschienen ist es im Verlag Warren Bennis.
Es ist ebenfalls auf Deutsch erschienen unter dem Titel “Gefangen am runden Tisch”.

 

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