Unterstützung oder “Rumerzieherei”?

Unterstützung Unterstützung - oder Rumerzieherei? Eine Gratwanderung im Falle des Alkoholkonsums...

Der feine Unterschied zwischen Unterstützung, Anmaßung und Erziehung

„Meine Erziehung mag ja in Ihren Augen schlecht gewesen sein – aber sie  ist abgeschlossen.“
Bäm. Das saß. Trotz des coolen Grinsens.

Frau Maier presste die Lippen aufeinander: Das hatte sie nicht erwartet. Ihr höflich formulierter Kommentar war ihr nicht leicht gefallen. Und Erziehung war beileibe nicht ihr Ansinnen. Hätte sie den Externen mit der „Bierfahne“ etwa so gehen lassen sollen?

Ein heikles Thema: Die Unterstützung Außenstehender

Nicht, dass sie ihn vor anderen angesprochen hätte – das wäre für Frau Maier Bloßstellung gewesen.
Sie hatte gewartet, bis sie ihn mal alleine im Sozialraum „erwischte“. Dieser Moment schien ihr passend.

Und da ließ sie das raus, was ihr auf der Zunge lag:
„Herr Schneider, ich bin froh, dass ich Sie jetzt gerade mal alleine treffe. Ich habe gemerkt, dass Sie öfters eine Bierfahne haben. Mir macht das ja nichts. Ich weiß nur nicht, wie die anderen das sehen, ob Ihnen das nicht Nachteile bringt.“

Wenn der „Schuss nach hinten losgeht“

Schneider, der offensichtlich wenig Lust hatte, sich von einer Frau „sein Bierchen“ verbieten zu lassen, konterte wie oben beschrieben. Das war’s. Seine Freundlichkeit hatte jetzt etwas Herablassendes, Unnahbares.

Unberührt von Frau Maiers zerknittertem Blick packte er seine Tasche und ging mit kurzem Nicken an ihr vorbei zur Tür. Ein weiteres Gespräch mit ihr schien von ihm nicht mehr gewünscht. War es falsch gewesen, ihn anzusprechen? Er war ihr einfach sympathisch. Und sie wollte nicht, dass er Probleme bekommt.

Richtiges Handeln – mit Stil

Unterstützung kann viele Gesichter haben. Sie kann in einer kurzen Bemerkung am Rande bestehen, einem konfrontativen 4-Augen-Gespräch – oder auch in einem einzigen Blick. Manchmal besteht sie auch darin, sich persönlich zurückzuhalten und sich „Unterstützung für die Unterstützung“ zu suchen.

„Nicht jede Not ist ein Auftrag“ lautet die liebevolle Bremse für allzu Beherzte.

Teilweise wird Unterstützung sogar als Bloßstellung oder Bedrohung empfunden.
Die Reaktion darauf ist dann Verleugnung, Rückzug – oder sogar ein Gegenangriff.

Das Mandat für ein Handeln, wie z.B. ein Gespräch über eventuelle Alkoholprobleme liegt meistens bei bestimmten Personen.

Das Mandat

Sinn eines Mandates ist, durch Vollmacht eine möglichst gute und schnelle Lösung zu erreichen.
Hier greifen sowohl eine funktionale als auch eine personale Autorität.

Personale Autorität entsteht auf der Basis einer wertschätzenden Beziehung und durch Ansprechbarkeit für das Verletzliche im Menschen. Sie bedarf der Sozialkompetenz, die durch Lebenserfahrung kommt. Und sie braucht „Standing“: Wir Menschen belügen uns hin und wieder gerne selbst. Das zu spüren ist oft nur möglich bei einem „geschliffenen Instinkt“ und durch die Kenntnis entsprechender Anzeichen.

„Standing“ – dem Selbstbetrug Widerstand leisten

In einem ernsten Gespräch „stehen zu bleiben“ und jemanden mit sich selbst zu konfrontieren?
Wer nie durch tiefe Lebenskrisen gegangen ist, wird als wenig glaubwürdig eingeschätzt. Gerade in unserer Wissensgesellschaft haben die „Narben“ den Status einer Währung erhalten. Solchen Menschen vertraut man mehr an. Die tiefsitzende Angst, verurteilt und insgeheim verachtet zu werden, ist ein elementarer Treiber für Entscheidungen.

„Plaudertäschchen?“

Auch die Diskretion spielt eine wesentliche Rolle: Personale Autorität und der Ruf, ein „Plaudertäschchen“ zu sein schließen sich gegenseitig aus. Wer es nötig hat, sich mit Andeutungen wichtig zu machen, ist ungeeignet: Immer geht es auch Angemessenheit.

Da ja nicht sicher ist, ob Herr Schneider nur instinktlos mit Alkohol umgeht oder ein Problem hat, ist die Wahl des richtigen Gesprächspartners angemessen.

Anders wäre das, wenn sofortiger Handlungsbedarf bestünde:

Stil – auch bei sofortigem Handlungsbedarf

Der involvierte Zeitfaktor macht manchmal leider so ein Vorgehen wie oben unmöglich.
Doch auch bei sofortigem Handlungsbedarf sollte ein bestimmter Stil nicht „unter den Tisch fallen“.
Folgende Anzeichen weisen auf eine Ausnahme-Situation hin:

Sofortige Vollbremsung

  • Herr Schneider hat glasige Augen, sein Gesicht ist gerötet.
  • Seine Bewegungen wirken etwas fahrig.
  • Er hat deutlich wahrnehmbare Schwierigkeiten, geeignete Worte zu finden und sauber zu formulieren.
  • Der „Pfefferminzgeruch“ um ihn her tötet Fliegen.
  • Er geht nervös zur Toilette – und kommt kurze Zeit später innerlich gelöst wieder.
  • Er hat in Bezug auf seine eigene Person ein unangemessen „clowneskes“ Reden und Verhalten. Seine „Selbstironie“ hat einen schalen Beigeschmack.
  • Sein Distanzverhalten – auch in Themen und Wortwahl – weist Züge der Unangemessenheit auf. Zu schnell, zu nah, zu lustig – ohne Übergangsphasen und hektisch.

Handlungsempfehlung:
Hier ist keine Zeit für Langzeit-Strategien. Sollte Herr Schneider mit dem Auto da sein, muss ihn entweder jemand vom Einsteigen abhalten – oder ihn zur vorherigen Ausnüchterung bewegen.
Da ist Frau Maier mehr als ungeeignet: Das deutlich wahrnehmbare Aggressionspotential von Herrn Schneider würde sich irgendwie entladen…

(Es gibt Frauen, die solche Situationen handeln können – auch ohne Schwarzgurt. Meine bisherigen Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass es oft besser ist, einen geeigneten Ansprechpartner unter den Herren zu finden.)

Auch in so einer Situation empfehle ich, Herrn Schneider vor Voyeurismus zu schützen: Das gilt sowohl für die Art, mit der man jemanden evtl. aus einem Gespräch rausholen muss als auch für die Filmerei mit dem Handy aus irgendwelchen Fenstern…
Angemessenheit und Stil zeichnen sich immer auch durch das richtige Vorgehen am richtigen Ort aus.

Der Aspekt des Realitätsverlustes

Wer betrunken ist und routiniert in sein Auto einsteigen möchte, hat einen deutlichen Realitätsverlust. Nicht nur sich selbst, auch Unbeteiligte unterwirft dieser Mensch großen Gefahren.

Leider zeigt die Erfahrung, dass in diesem Stadium vorsichtige Worte und Verhaltensweisen wenig fruchten. Wertschätzung ist auch nicht das Gegenteil von Deutlichkeit und Konsequenz.

Bei einem solchen Realitätsverlust ist dann das Anraten zu einer Therapie mit einer deutlichen Konsequenz im Wiederholungsfall verbunden. Auch, wenn Herr Schneider ein „Externer“ ist, besteht eine Verantwortung auf dem eigenen Gelände – und für die möglichen Folgen bei seiner Weiterfahrt.

Je nach Persönlichkeit und Rechtslage kann es auch wichtig sein, dieses Gespräch zu zweit zu führen.

Auch eine Information des Vorgesetzten kann nötig sein.

Nicht zu vergessen:
Frau Maiers Bemühen sollte vor Herrn Schneider gewürdigt werden.
Dies ist schon deshalb wichtig, um seine Konfrontation mit sich selbst aufrecht zu halten.
Zu gerne projizieren manche Menschen in tiefen Problemen diese auf externe Quellen. („Hätte die den Mund gehalten…“)

Da Herr Schneiders Umgang mit ihr auch ein passiv-aggressives Momentum widerspiegelt, rate ich zum Aufbau eines deutlichen „Wir“-Gefühls an dieser Stelle. (Dies gilt selbstverständlich auch, wenn es sich um einen „Herrn Maier“ gehandelt hätte.)

Fazit:

Unterstützung besteht natürlich aus Menschlichkeit und Verständnis. Das Wissen um die Schmerz-Chronik hinter einem negativen Verlauf prägt den wertschätzenden Charakter der Unterstützung.

Gleichzeitig ist Unterstützung keine Garantie auf einen „zahnlosen Wohlverhaltens-Passus“:
Zeichnet sich ein Mensch durch verantwortungsloses Handeln aus, entsteht ein Mandat, ihn selbst und andere vor den Folgen zu schützen. Das ist keineswegs „Erziehung“, und schon gar keine Anmaßung.

Dieses Mandat kann soweit gehen, dass  für den (Selbst-) Gefährder ernsthafte Konsequenzen zu ziehen sind. (Kündigung des bestehenden Vertrages, Information des Vorgesetzten)

Den Rahmen, den man verantwortet, auch wachsam zu schützen, ist keine Anmaßung. Anmaßung wäre z.B. dem Vorgesetzten von Herrn Schneider eine Predigt zu seiner Personal-Politik zu halten.

Erziehung wäre, Herrn Schneider mit Verbesserungsvorschlägen bezüglich seines Sozialverhaltens zu „bombardieren“. Dies beides gilt auch, wenn es in Form von Andeutungen passiert.

Häufig stellen wir den Anspruch der Perfektion an jemanden, der sich verantwortlich zeigt. Frau Maier z.B. hat sich bemüht, Herrn Schneider wertschätzend und nicht bloßstellend zu begegnen.

Ok, ihre Ansprache war nicht cool. Vielleicht trug auch ihre mütterlich wirkende Besorgtheit zu seiner ablehnenden Haltung bei. (Welcher Mann hat schon gerne die Mami im Nacken?) Dennoch waren ihr Motiv und Herangehen verantwortungsvoll.

Wird das nicht gewürdigt, wird sie womöglich ihr Interesse verlieren, sich feinfühlig in den sozialen Prozess einzubringen.

Unterstützung mit Stil

  • Stil zeigt, wer angemessen vorgeht. Dazu gehört auch, nicht zu zögern, um Schaden abzuwenden.
  • Angemessenheit im Vorgehen baut eine Vertrauenskultur auf.
  • Eine klare Abgrenzung zur Verurteilung bzw. zur Abwertung ist wichtig.
  • Die Stärkung von Verantwortlichkeit aktiviert zusätzliche Schutz-Mechanismen und entlastet die Führung.
  • Der Schutz vor Voyeurismus und Klatsch ist ein Zeichen für Stil.

 

 

 

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